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Susanna Moore: Aufschneider

Verlag : Rowohlt Verlag, Reinbek Genre : Krimi
ISBN : 3-498-04384-6 Preis : 34.00 DM
Autorin : Susanna Moore Titel : Aufschneider

Sex and Crime sind ja - zumindest in literarischer Hinsicht - nach wie vor eher Männersache. Und so beschäftigte sich die in New York lebende Susanna Moore in ihren bisherigen Romanen auch schön brav mit Familiengeschichten und sonstigen "typisch weiblichen" Genreelementen. Doch 1995 wagte sie mit "In the Cut" den radikalen Image-Wandel und schuf einen Krimi, der in Sachen Sex und Brutalität nicht hinter den Werken ihrer männlichen Kollegen zurückstand. Jetzt ist das Buch unter dem Titel "Aufschneider" auch in Deutschland erschienen. Müssen sich der Alte, der Fahnder und Balko nun Sorgen machen ? Darf Harry schon mal den Wagen zur letzten Fahrt ins Altenheim vorfahren ?

Frannie, von Beruf Dozentin für kreatives Schreiben, geschieden, wohnt alleine am Washington Square Park, mitten in Manhatten, New York. Neben ihrer Lehrtätigkeit veröffentlicht sie auch Aufsätze auf ihrem Fachgebiet, der Sprachwissenschaft. U.a. arbeitet sie an einem Lexikon zur Umgangssprache, das Slangbegriffe, Vulgärsprache, eben all das, was man in einer Großstadt täglich in der U-Bahn, auf der Straße oder am Arbeitsplatz zu hören bekommt und was nicht in einem normalen Wörterbuch verzeichnet ist, enthalten soll. Frannie lebt ihr Leben nach ihren eigenen Vorstellungen, hat einige mehr oder weniger gute Freunde mit mehr oder weniger guten Eigenheiten, ihre Studenten, denen sie regelmäßig kollektiv Einser gibt, und vor allem Pauline, ihre beste Freundin. Eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen besteht darin, in Bars herumzuhängen (ein guter Platz, um neue umgangssprachliche Formulierungen zu entdecken !). Und in einer solchen Kneipe wird sie eines Tages, als sie erfolglos den Weg zur Toilette sucht, Zeugin, wie eine rothaarige Frau einen Mann, dessen Gesicht Frannie nicht erkennen kann, oral befriedigt. Wenig später wird dieselbe Frau tot aufgefunden, von einem Psychopathen bestialisch ermordet und verstümmelt. Bei der Suche nach dem Täter führt die Polizei eine Nachbarschaftsbefragung durch - und bei dieser Gelegenheit lernt Frannie Detective Malloy von der Mordkommission kennen, einen reichlich selbstsicheren, geradezu aufschneiderischen Typen, einen Macho, wie er im Buche steht, der jedoch auf Frannie eine nahezu obsessive sexuelle Anziehungskraft ausstrahlt. Obwohl - oder vielleicht auch gerade weil - sie auf seiner Hand eine Tätowierung entdeckt, die der entspricht, welche sie bei dem sich mit der später Ermordeten im Hinterzimmer der Kneipe vergnügende Mann bemerkt hatte, läßt sie sich auf eine Affäre mit Malloy ein. Und ist in einem Strudel aus Gewalt, Leidenschaft und Furcht spätestens in dem Moment gefangen, als sie eines Nachts auf der Straße von einem maskierten Unbekannten überfallen und beinahe abgestochen wird und dennoch von ihrem gefährlichen Spiel mit dem undurchschaubaren NYPD-Mann nicht lassen will. Oder kann.

Obwohl er die klassischen Regeln des "Whodunit" befolgt, ist der "Aufschneider" ein ungewöhnlicher Kriminalroman. Obwohl dem Leser die üblichen Verdächtigen präsentiert werden, ist das 189 Seiten starke Buch mehr als nur die Suche nach dem wirklichen Täter. Es ist auch eine ungewöhnliche Liebesgeschichte über eine Frau, die ihre aggressiven sexuellen Phantasien auslebt - was durchaus offenherzig, quasi in "full frontal nudity", aber dennoch nie vulgär-pornographisch und vor allem auch geschickt unter Vermeidung der sonst in diesem Bereich üblichen Klischees beschrieben wird. In allererster Linie ist "Aufschneider" aber ein Buch über Sprache. Offensichtlich ist das, wenn es um die Arbeit der Ich-Erzählerin Frannie geht. Als bestes Beispiel mögen die immer wieder eingestreuten Listen neuer Slang-Begriffe gelten, die sie für ihre Wörterbuch zusammengetragen hat. Hier mußten jedoch die ‹bersetzer Giovanni Bandini und Ditte König, die ansonsten den gehetzten und dennoch lakonischen Stil der Erzählung meisterhaft ins Deutsche übertragen haben, vor der Kraft des Faktischen kapitulieren und die (unübersetzbaren) umgangssprachlichen Wörter unübersetzt lassen. Auch bleibt unklar, wieviel dieser Begriffe Moore wirklich recherchiert hat und wieviel Erfindung ist oder vom Hörensagen stammt. So läßt sie zum Beispiel den aus dem Vietnam-Krieg stammenden Ausdruck "fugazi" ("All fucked up !") von ihrer Protagonistin als "Adj. unecht (aus dem Italienischen?)" umschreiben. Doch das ungewöhnliche Hobby der Hauptfigur schlägt sich auch außerhalb dieser Listen im Roman nieder. Ihre Liebe zur Sprache macht sich etwa immer dann bemerkbar, wenn sie über eine ungewöhnliche Formulierung nachgrübelt oder manche Wörter für gut ("exartikuliert") oder schlecht befindet. Doch auch Susanna Moore ist eine Sprachliebhaberin. Denn anstatt ihre Figuren äußerlich zu beschreiben oder sie mit einer umfassenden Biographie auszustatten, individualisiert sie sie, indem sie ihnen eine jeweils eigene Sprache gibt. Da ist zum Beispiel das Fluchen und der exzessive Gebrauch von Kurzformen des Iren Malloy. Oder der Ghetto-Slang von Frannies Student Cornelius Webb, der seine Sätze des öftern mit "und bla" beendet - so als gäbe es noch etwas zu sagen, was jedoch der Mühe letztlich nicht wert ist. Der brillianteste Einsatz der Sprache glückt der Autorin jedoch am Ende - mit nur einem fulminanten Satz schafft sie ein Finale, das schrecklicher ist als die gesamte zuvor dargestellte Gewalt je sein könnte.

Der "Aufschneider" ist schnell gelesen und vom eigentlichen Geschehen her auch eher ein kurzer, unbedeutender Roman. Doch die Art und Weise, wie Susanna Moore ihre Geschichte erzählt, macht das Buch zu einem besonderen Erlebnis. Aufgrund der weiblichen Perspektive dürfte "Aufschneider" naturgemäß (vor allem auch bezüglich der erotisch-sexuellen Passagen) Leserinnen noch stärker ansprechen als Leser. Aber auch diese bekommen einen beeindruckenden und in keiner Weise alltäglichen Kriminalroman geboten, der einerseits sicher nichts für empfindsamere Gemüter ist, sich jedoch andererseits auch von den im Genre üblichen eindimensionalen und uninspirierten Sex-und-Gewalt-Schreiberein deutlich abhebt. Im übrigen darf man auf eine Leinwandadaption des Buches gespannt sein. Niemand geringeres als die Australierin Jane Campion ("Das Piano") wird "Aufschneider" verfilmen. Ob das angesichts der großen Bedeutung, die die Sprache in dieser Geschichte hat, gut gehen wird, steht jedoch in den Sternen. Vielleicht entpuppt sich dieses Vorhaben letztlich als bloße Aufschneiderei.

(c) 1998 by Andreas Neumann

"Das formale Raffinement des Romans ist enorm, die sprachliche Intenstität erhebt das Buch weit über das Krimigenre hinaus: `Aufschneider' ist ein Werk der Literatur. Moores Moritat läßt sich in der Gradlinigkeit des Erzählens, in der Einheitlichkeit des Tons durchaus mit Camus' Roman `Der Fremde' vergleichen."

-- Volker Haage in "DER SPIEGEL" 42/1997


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