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Das Jahrhundert der Kanzler

Das 20. Jahrhundert war insbesondere im politischen Deutschland von zahlreichen Veränderungen, von Irrungen und Wirrungen, der Zerstörung alter Strukturen und dem Entstehen neuer geprägt. Hier nach einer Konstante zu suchen, erscheint müßig. Und natürlich läßt sich etwa ein Reichskanzler unter dem Kaiser des Deutschen Reiches nicht mit dem demokratisch legitimierten, vom Bundestag gewählten Bundeskanzler der (westdeutschen) Nachkriegsrepublik vergleichen. Dennoch besaß Deutschland - von der Zeit, in der im Gefolge des "Zusammenbruches" nach 1945 keinerlei politische Strukturen existierten, einmal abgesehen - während der letzten einhundert Jahre stets einen "Kanzler". Schon die Tatsache, dass das Amt des Regierungschefs hierzulande auf nationaler Ebene traditionell diese gegenüber einem profanen "Ministerpräsidenten" doch weihevollere Bezeichnung trägt, deutet auf eine gewisse Kontinuität hin. Und tatsächlich spiegelt das Wirken der deutschen Kanzler die Politik, den Geist und die Träume und Hoffnungen ihrer Zeit wider. Das Unterfangen, ihre Biographien, ihren politischen Werde- und Abgang in aller Kürze nachzuzeichnen, kann im Folgenden nur im Wege eines untauglichen Versuches erfolgen. Als Entschuldigung für die bei manchen Amtsinhabern vergleichsweise (und absolut) spärlichen Angaben kann nur die relativ geringe Relevanz ihres Wirkens im Kanzleramt angeführt werden.

Otto von Bismarck [1871 - 1890] (1.4.1815 - 30.7.1898)

Als das Jahrhundert der deutschen Kanzler begann, war der Reichskanzler, der wie kein anderer auch heute noch als politisches Genie verehrt wird, bereits gestorben. Otto von Bismarck, erster Kanzler des 1871 gegründeten Deutschen Reiches, war beim zweiten Kaiser dieses Reiches, Wilhelm II., in Ungnade gefallen und 1890 aus seinem Amt entlassen worden. 1898 starb der Kanzler, den sie den "Eisernen Kanzler" nannten, der mit der "Emser Depesche" den Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 provoziert und mit den "Sozialistengesetzen" die immer mächtiger werdende Sozialdemokratische Partei bekämpfen wollte. Die letztgenannten Gesetze musste er nach einiger Zeit zurücknehmen, und dass das einfache Volk auch in anderen Parteien immer lauter die gleichberechtigte Teilhabe an der Macht einforderte, konnte er ebenfalls nicht verhindern. Doch eins hat er den deutschen Kanzlern des 20. Jahrhunderts hinterlassen - eine Erblast. Das ausgeklügelte Netz gegenseitiger Beistandspakte und Nichtangriffsvereinbarungen, das Bismarck über ganz Europa geknüpft hatte und über dem sein Deutschland einen waghalsigen Drahtseilakt vollführte, erwies sich als so verworren, dass nur sein Erschaffer dabei das Gleichgewicht behalten konnte - und selbst der wäre wohl früher oder später damit überfordert gewesen. Die deutsche Politik nach Bismarck stürzte jedenfalls recht schnell und verhedderte sich dann umso unauflöslicher in eben diesem Netz aus Zweibund, Dreibund und Deutsch-Russischem Rückversicherungsvertrag. Anstatt die Sicherheit Deutschlands zu garantieren, wurde es somit zur Falle, in der das Reich gefangen wurde.


Chlodwig Fürst zu Hohenlohe-Schillingsfürst[1894 - 1900] (31.3.1819 - 6.7.1901)

Die Amtszeit des ersten deutschen Kanzlers des 20. Jahrhunderts (sofern man dieses nicht erst am 1.1.1901 beginnen lassen will) endete auch im Jahre 1900. Chlodwig Karl Viktor Fürst zu Hohenlohe-Schillingsfürst, der ein Studium der Rechte in Göttingen, Heidelberg und Bonn absolviert hatte, konnte bereits von 1866 - 1870 in Bayern Erfahrung als Regierungschef sammeln. Er war von 1874 bis 1880 Botschafter des Deutschen Reiches ausgerechnet in Paris, der Hauptstadt des Erbfeindes Frankreich, gewesen und 1885 - 1894 Statthalter von Elsaß-Lothringen. Als Reichskanzler (er hatte den Bismarck-Nachfolger Georg Leo Graf von Caprivi abgelöst) delegierte er die meisten seiner Pflichten (und Rechte) an sein Kabinett, bevor er dann 1900 in hohem Alter aus seinem Amt ausschied.


Bernhard Fürst von Bülow [1900 - 1909] (3.5.1849 - 28.10.1929)

Der gebürtige Hamburger Bernhard Heinrich Martin von Bülow war 1874 in den diplomatischen Dienst eingetreten und 1897 zum Staatssekretär in Auswärtigen Amt berufen worden. Zum Reichskanzler wurde der seit 1899 den Titel eines Grafen führende von Bülow am 16.10.1900 ernannt. Dort wirkte er in einem übersteigerten Bewusstsein von der (vermeintlichen) Macht des Deutschen Reiches. Die von ihm mitverantwortete Aufrüstung der deutschen Flotte irritierte die um ihre Seeherrschaft besorgten Engländer. Die Marokko-Krise 1905/06 brachte ihm zwar den Titel eines Fürsten ein, führte jedoch zum Zerwürfnis mit Frankreich. Und Russland stieß sich an der beinahe rückhaltlosen Unterstützung des österreichischem Vorgehens auf dem Balkan. Deutschland war so letzten Endes schon 1909, Jahre vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges, "eingekreist", hatte sich selbst jedoch unter tätiger Mithilfe durch von Bülow in diese Lage begeben.

Der ehrgeizige Politiker stolperte schließlich über die "Daily Telegraph"-Affäre. In einem Interview hatte Kaiser Wilhelm II. gegenüber dem englischen Blatt die Engländer als "verrückt wie die Märzhasen" bezeichnet, ein Affront, von dem sich Bülow distanzierte. (Weiterhin wird überliefert, dass der Reichskanzler im Rahmen des Interviews einen Gehilfen fragte, ob dieser noch nicht wisse, dass die persönlichen Wünsche seiner Majestät oftmals reiner Blödsinn seien.) 1909 trat der so in Ungnade gefallene von Bülow zurück. Er starb 1929 in Rom, wo er 1914 noch einmal Sonderbotschafter des Deutschen Reiches geworden war.


Theobald von Bethmann Hollweg [1909 - 1917] (29.11.1856 - 2.1.1921)

Die politische Karriere des in Brandenburg geborenen Bethmann Hollweg begann 1890 mit einer kurzzeitigen Zugehörigkeit zum Reichstag als Abgeordneter der Reichspartei. Einen ersten Höhepunkt fand sie 1905 mit seiner Berufung zum Innenminister Preußens. Von Wilhelm II. 1909 schließlich zum Reichskanzler (und gleichzeitig Außenminister) ernannt, machten sich die fehlenden außenpolitischen Erfahrungen Bethmann Hollwegs schmerzlich bemerkbar, eine Entspannung des kritischen Verhältnisses Deutschlands gegenüber seinen europäischen Nachbarn glückte ihm nicht. Hinzu kam eine wegen der mit entsprechenden Wahlerfolgen verknüpften zunehmenden Popularität der linken Parteien wachsende innerstaatliche Opposition, die ihm die Durchsetzung seiner Politik zusätzlich erschwerte. Da schien ihm die Balkan-Krise, die durch die Ermordung des österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand ausgelöst worden war, gerade recht gekommen, um sich als starker Mann zu profilieren. Doch als er bemerkte, dass seine Unterstützung des österreichischen Vorgehens gegen die Serben zu einem Weltkrieg führen könnte, besann er sich eines Besseren, konnte die Geister, die er rief, aber nicht mehr beschwören. Gänzlich isoliert - wegen seines Eintretens für einen Verhandlungsfrieden und gegen einen totalen U-Boot-Krieg (ohne dass er sich mit diesen Positionen hätte durchsetzen können) auch bei den Nationalkonservativen unbeliebt - musste er 1917 zurücktreten.


Georg Michaelis [1917] (8.9.1857 - 24.7.1936)

Bevor Michaelis sich der Politik zuwandte, hatte er bereits eine beachtliche juristische Karriere hinter sich. 1884 ohne Dissertation in Göttingen promoviert, lehrte der gebürtige Schlesier von 1885 bis 1889 an der Schule deutscher Rechtswissenschaften in Toki Staats- und Verwaltungsrecht. In den folgenden zwanzig Jahren war er dann im preußischen Justiz- und Verwaltungsdienst tätig. 1909 wurde er gar zum Unterstaatssekretär ins preußische Finanzministerium berufen und 1917 preußischer Staatskommissar für Volksernährung. Als erster Nichtadliger wurde er am 14. Juli desselben Jahres zum Reichskanzler berufen - heute würde man in diesem Zusammenhang von Michaelis als "Quereinsteiger" sprechen. Nach gerade einmal drei Monaten reichte der so schnell nach ganz oben Aufgestiegene, der im Reichstag keine Verbündeten finden konnte und, ganz im Stile eines jede Festlegung vermeidenden Juristen und Verwaltungsbeamten, nicht durch eindeutige politische Stellungnahmen auffiel, am 30. Oktober 1917 seinen Rücktritt ein. Einen Tag später schied er aus dem Amt des Reichskanzlers aus.


Georg Graf von Hertling [1917 - 1918] (31.8.1843 - 4.1.1919)

Der promovierte und habilitierte Philosoph wurde 1875 Reichstagsabgeordneter für das Zentrum. Als solcher widmete er sich vor allem der Sozialpolitik. 1882 erhielt er einen Ruf der Universität München, an der er fortan als Professor für Philosophie wirkte. Nachdem er 1890 aus dem Reichstag ausgeschieden war, wurde er 1896 erneut in das Parlament gewählt und wandte sich nun vor allem außen- und finanzpolitischen Fragen zu. 1909 übernahm er den Vorsitz der Fraktion des Zentrum, bis er 1912 von Luitpold von Bayern an die Spitze des Bayerischen Gesamtstaatsministeriums berufen wurde. 1917 lehnte von Hertling die ihm angebotene Nachfolge des Reichskanzlers von Bethmann Hollweg ab; als dann drei Monate später jedoch auch noch Michaelis zurücktrat, fühlte sich der gebürtige Darmstädter verpflichtet und wurde am 1. November Reichskanzler (und überdies preußischer Ministerpräsident). Als Wilhelm II. unter dem Druck der Öffentlichkeit ankündigte, das parlamentarische System einzuführen, trat von Hertling am 30. September 1918, kein Jahr nach seinem Amtsantritt, zurück. Wenige Monate später verstarb er im oberbayerischen Ruhpolding.


Prinz Max von Baden [1918] (10.7.1867 - 6.11.1929)

Die Bildung einer vom Parlament getragenen und nicht mehr (allein) der Gnade des Kaisers ausgelieferten Regierung unter der Führung des Prinzen Max von Baden muss vor dem Hintergrund der desolaten militärischen Situation, der sich Deutschland 1918 ausgesetzt sah, und der Hoffnung auf einen angesichts freiwillig geschaffener demokratischer(er) Strukturen weniger belastenden Friedensvertrag gesehen werden. Max von Baden diente Ende des neunzehnten Jahrhunderts als Offizier in der preußischen Armee. Erst 1911 schied er, im Range eines Generalmajors, aus dem aktiven Militärdienst aus. Unter dem Eindruck des Ersten Weltkrieges wandte er sich von 1914 an verstärkt der Kriegsgefangenenfürsorge zu, für die er u. a. im Rahmen des Roten Kreuzes und des Weltbundes der Christlichen Vereine Junger Männer (CVJM) tätig wurde. Zur Berufung von Badens zum Reichskanzler kam es durch die ausdrückliche Empfehlung seines Vorgängers. Am 5. Oktober ersuchte Max von Baden auf Druck der Obersten Heeresleitung (OHL) den US-Präsidenten Woodrow Wilson um Waffenstillstand. Im Gegenzug erzwang der Reichskanzler am 26. Oktober die Entlassung Erich Ludendorffs aus der OHL. In den folgenden Wochen kam es dann im ganzen Land zu revolutionären Aktivitäten von Arbeiter- und Soldatenräten nach russischem Vorbild. Als sich diese auch nach Berlin erstreckten, übertrug Prinz Max von Baden das Amt des Reichskanzler am 9. November an Friedrich Ebert und verkündete eigenmächtig die Abdankung von Kaiser Wilhelm II., der anschließend ins niederländische Doorn ins Exil ging. Max von Baden hingegen baute in Salem am Bodensee ein noch heute existierendes Elite-Internat auf, dem er sich bis zu seinem Tod am 6. November 1929 widmete.


Friedrich Ebert [1918 - 1919] (4.2.1871 - 28.2.1925)

Der als Sohn eines Schneidermeisters in Heidelberg geborene Ebert gehörte seit 1889 der SPD an. Nachdem er sich zum Abschluss einer Zeit der ständigen Wohnortwechsel im Jahre 1891 in Bremen niederließ, wo er ab 1893 als Redakteur für die SPD-nahe Bremer Bürgerzeitung arbeitete, wurde Ebert im Jahre 1900 Mitglied der Bremer Bürgerschaft und dort SPD-Fraktionsvorsitzender. 1905 wurde er als Sekretär in den Parteivorstand der SPD aufgenommen. Ab 1913 saß der gelernte Sattler, der innerhalb der SPD einen Ruf als Mann des Ausgleichs genoß, dann der Partei vor, zunächst noch zusammen mit Hugo Haase, danach dann in alleiniger Verantwortung. Im Reichstag, in der er 1912 gewählt wurde, trug er die fatale Politik des "Burgfriedens" mit, lehnte jedoch eine annektionistische Kriegspolitik ab und nahm im Juli 1917 erheblichen Einfluss auf die Friedensresolution des Parlamentes.

Als Ebert als zentrale Gestalt der deutschen Sozialdemokraten sich 1918 zum Reichskanzler aufgestiegen sah, setzte er sich, obwohl er sich erst kurz zuvor noch für die Beibehaltung der Monarchie ausgesprochen hatte, konsequent und gegen den Widerstand der Spartakisten um Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht für den Wandel des Kaiserreiches in eine parlamentarische Demokratie ein. Dazu wurde die Wahl einer Nationalversammlung organisiert, die Anfang 1919 in Weimar zusammen trat. (Berlin schied wegen der nach wie vor andauernden Unruhen aus.) Die Nationalversammlung wählte Ebert am 11. Februar 1919 zum Reichspräsidenten, ein Amt, welches er bis zu seinem Tode an den Folgen der Operation einer verschleppten Blinddarmentzündung 1925 bekleidete, das ihn jedoch nicht davor schützte, sich in zunehmendem Maße erbitterten Anfeindungen und Verleumndungen ausgesetzt zu sehen.


Philipp Scheidemann [1919] (26.7.1865 - 29.11.1939)

Scheidemann, der schon 1883 der SPD beigetreten war, gehörte von 1903 bis 1918 dem damals noch weitgehend machtlosen Reichstag an. Unter Max von Baden sammelte er als Staatssekretär 1918 erste Regierungserfahrung. In die Geschichtsbücher ging Philipp Scheidemann durch eine Tat ein, mit der er vor allem den Kommunisten um Luxemburg und Liebknecht zuvorkommen wollte. Dies gelang dem gelernten Schriftsetzer und langjährigem Redakteur auch tatsächlich. Gerade einmal zwei Stunden bevor die Spartakisten Deutschland als "freie sozialistische Republik" proklamieren konnten, rief Scheidemann am 9. November des Jahres 1918 die "Deutsche Republik" aus und beerdigte damit das Kaiserreich.

1919 führte er die erste Regierung der so genannten "Weimarer Koalition" aus SPD, Deutscher Demokratischer Partei (DDP) und Zentrum an (die zusammen über drei Viertel aller Abgeordneten der Nationalversammlung verfügten), ein Amt, dessen Inhaber damals kurzzeitig als "Reichsministerpräsident" bezeichnet wurde. Doch noch im selben Jahr und nach nur 130 Tagen trat Scheidemann von diesem Posten zurück, da er mit dem Versailler Friedensvertrag nicht einverstanden war, in dem das unterlegene Deutschland nicht nur moralisch gedemütigt, sondern vor allem auch mit auf mittlere Sicht untragbaren Reparationsforderungen belastet worden war. Neben seiner Tätigkeit als Oberbürgermeister der nordhessischen Stadt Kassel (1919 - 1933) blieb Scheidemann jedoch auch in der großen Politik aktiv, indem er von 1920 bis 1933 dem Reichstag angehörte. Die Machtergreifung der Nationalsozialisten zwang ihn dann jedoch zur Flucht ins Exil, das er zunächst in Prag, und dann, als Hitler den Anschluss der Tschechoslowakei vollziehen liess, nach einer Odysee über die Schweiz, Frankreich und die USA 1939 in Kopenhagen fand.


Gustav Bauer [1919 - 1920] (6.1.1870 - 16.9.1944)

Der gelernte Bürogehilfe und Kanzleivorsteher Bauer fand seinen Weg in die Politik über die Gewerkschaften. Nachdem er von 1895 bis 1908 Vorsitzender des von ihm mitgegründeten Verbands der Büroangestellten war, wurde er erst Zentralarbeitersekretär der Freien Gewerkschaften und dann 1908 Hauptamtlicher Zweiter Vorsitzender der Generalkommission der Gewerkschaften mit Sitz in Berlin. 1912 zog Bauer für die SPD in den Reichstag ein und im Oktober 1918 als Staatssekretär ins Reichsarbeitsamt. Nachdem Scheidemann, in dessen Kabinett Bauer Reichsarbeitsminister war, zurücktrat, rückte Bauer am 21. Juni 1919 als Ministerpräsident an die Spitze des Kabinetts und wurde am 14. August Reichskanzler.

In die Amtszeit von Gustav Bauer fielen gleich mehrere Ereignisse, die Erschütterungen hervorriefen, welche die junge Republik noch für viele Jahre und bis zu ihrem Ende erzittern ließen. Zuallererst gehörte dazu natürlich die Unterzeichnung des Versailler Vertrages. Wegen dieses Vertrages war sein Vorgänger ja zurückgetreten und er sollte die Grundlage für zukünftige wirtschaftliche Probleme und politische Denunziationen ("Dolchstoßlegende") werden. Aber es war auch der Reichskanzler Bauer, der sich mit dem Kapp-Putsch auseinander setzen musste, bei dem rechtsradikale Politiker mit Hilfe von zur Auflösung vorgesehenen Teilen der deutschen Armee unter Führung von Wolfgang Kapp versuchten, die Macht im Staate an sich zu reißen. Die Reichswehr verweigerte der Regierung die Hilfe mit der Begründung "Truppe schießt nicht auf Truppe". Doch genauso wie die Ministerialbürokratie zum Reichskanzler Bauer und seiner Regierung, die erst nach Dresen und dann nach Stuttgart geflohen war, hielt, unterstützten auch die Gewerkschaften durch einen Generalstreik die demokratischen Strukturen der jungen Republik, so dass der Putsch letzten Endes beendet werden konnte. Und als auch die Gegenbewegung, die zu kommunistischen Aufständen in Sachsen und Thüringen geführt hatte, niedergeschlagen werden konnte, schien die Republik erst einmal gesichert zu sein. Die Tatsache, dass hier die Reichswehr zum Einsatz kam, wird der Regierung Bauer oftmals als willkürlich härtere Ungleichbehandlung gegenüber den Kapp-Putschisten vorgeworfen - was jedoch angesichts der Weigerung der Reichswehr, gegen die revoltierenden Soldaten vorzugehen ein nicht ganz gerechter Vorwurf ist. Am 26. März 1920 trat Bauer wegen umstrittener Verhandlungen, die Regierungsvertreter mit Kapp und dessen Komplizen Walther von Lüttwitz zur Beendigung des Putsches geführt hatten, zurück. Unter seinem Nachfolger Müller diente er zunächst als Reichsschatzminister, dann als Reichsverkehrsminister, wohingegen ihn Wirth 1921/22 wieder als Schatzminister (und Vizekanzler) ins Kabinett holte.

Bauers politische Karriere endete unwürdig. Wegen der Verstrickung in eine Korruptionsaffäre ("Barmat-Prozess") verzichtete er 1925 nicht nur auf sein Reichstagsmandat, sondern wurde auch aus der SPD ausgeschlossen. Zwar wurde der Ausschluss von einem Parteischiedsgericht aufgehoben und Bauer nahm auch das niedergelegte Mandat wieder auf. 1928 schied er jedoch endgültig aus dem Parlament aus. Der Versuch der Nationalsozialisten, Bauer 1933 wegen angeblicher Veruntreuung von Steuergeldern zu inhaftieren, scheiterte daran, dass die braunen Machthaber eine angebliche Äußerung des Sohnes in der Schule als Indiz zur Rechtfertigung ihres Vorgehens heranzogen - Bauers Ehe jedoch kinderlos geblieben war. Dennoch dauerte es bis 1935, bis das Verfahren gegen ihn eingestellt wurde.


Herrmann Müller (I) [1920] (18.5.1876 - 20.3.1931)

Seit 1906 war Müller, Parteimitglied seit 1882, im Vorstand der SPD, von 1916 bis 1918 erstmalig und von 1920 bis zu seinem Tode 1931 erneut Reichstagsabgeordneter für die Sozialdemokraten. In den unruhigen Jahren 1919 und 1920 war Müller nicht nur Mitglied der Nationalversammlung, sondern bekleidete auch als Reichsaußenminister ein in dieser Zeit nach dem Ersten Weltkrieg besonders bedeutsames Amt. Dazu prädestinierten ihn nicht nur seine Fremdsprachenkenntnisse, sondern auch seine diplomatischen Erfahrungen, die er im Vorfeld des Ersten Weltkrieges erworben hatte. Als Außenminister der Regierung Bauer musste er den Versailler Vertrag unterschreiben - eine Bürde, die er bei seiner späteren politischen Tätigkeit immer tragen musste. 1919 wurde Müller zusammen mit Otto Wels zum Parteivorsitzenden der SPD erkoren und 1920 wurde er gar zum Reichskanzler gewählt - zum letzten, der sich auf die "Weimarer Koalition" stützen konnte.


Konstatin Fehrenbach [1920 - 1921] (11.1.1852 - 26.3.1926)

Die "Weimarer Koalition" war nach der ersten Reichstagswahl im Juni 1920 zerbrochen. Die drei in ihr vereinigten Parteien hatten erheblich Stimmen einbüßen müssen und konnten nur noch 45% der Stimmen auf sich vereinigen. So kam es, dass Fehrenbach, Mitglied der katholischen Zentrum-Partei, der erste Reichskanzler der Weimarer Republik wurde, der nicht der SPD angehörte. Der studierte Theologe und Jurist begann seine politische Laufbahn als Freiburger Stadtverordneter, bevor er dann 1885 für das Zentrum in den badischen Landtag einzog. Nachdem er wegen Differenzen mit der Parteiführung bereits zwei Jahre später wieder aus dem Parlament ausgeschieden war, nahm er 1895 ein zweites Mal Anlauf zu einer politischen Karriere. Diese führte ihn über die Positionen eines Freiburger Stadtrates (1895), Kreis- (1896) und Landtagsabgeordneten (1901) 1903 schließlich auch in den Reichstag. Nachdem er im Juli 1918 zum Präsidenten des Reichstages gewählt worden war und 1919/20 auch als Präsident der Weimarer Nationalversammlung fungierte, war er ein logischer Kandidat für die Kanzlerschaft 1920. Sein Versuch, sich mit den Siegern des Ersten Weltkrieges über die Höhe der Reparationen zu verständigen, glückte zwar im Ergebnis. Dieses - die Festlegung der deutschen Reparationsschulden auf 132 Milliarden Goldmark - wurde jedoch weder von der Bevölkerung noch vom Reichstag akzeptiert. Als letzterer die Regelung ablehnte, trat Fehrenbach als Reichskanzler zurück. 1922 wurde er Mitglied des Staatsgerichtshofes und übernahm 1923 im Reichstag auch den Fraktionsvorsitz der Zentrum-Partei, bevor er dann am 26. März 1926 in Freiburg starb.


Joseph Wirth [1921 - 1922] (6.9.1879 - 3.1.1956)

Der gebürtige Freiburger war ursprünglich als Gymnasiallehrer tätig gewesen. 1914 wurde er erstmals Mitglied des Reichstages und 1920 Reichsfinanzminister. Als er am 10.5.1921 aus dieser Position heraus zum Reichskanzler berufen wurde, trat er entschieden für eine Verständigung mit der Sowjetunion und die Erfüllung der Reparationsverpflichtungen gegenüber den Siegerstaaten des Ersten Weltkriegs ein. Aus Protest gegen die Teilung Oberschlesiens trat das Kabinett bereits am 22.10. zurück, Wirth ließ sich jedoch vom Reichspräsidenten Ebert dazu überreden, schon vier Tage später eine neue Regierung zu bilden, die bis 1922 hielt. 1931 wurde Wirth kurzzeitig Reichsinnenminister, bevor er dann die Zeit von 1933 bis 1948 im Schweizer Exil verbrachte.


Wilhelm Cuno [1922 - 1923] (2.7.1876 - 3.1.1933)

Mit Wilhelm Carl Josef Cuno stand erstmalig ein Parteiloser einer Regierung der Weimarer Republik vor. Wie so viele seiner Amtskollegen verfügte auch Cuno über eine juristische Ausbildung und hatte überdies auch promoviert. 1907 ging er als Regierungsassessor in das Reichsschatzamt, 1910 wurde er zum Regierungsrat und 1912 zum Geheimen Regierungsrat ernannt. Doch gegen Ende des Ersten Weltkrieges orientierte sich der geborene Suhler um und beendete - vorerst - seine bisher steil verlaufene Karriere im Staatsdienst. Statt dessen trat er am 1. November 1917 in das Direktorium der Reederei Hamburg-Amerika-Paketfahrt AG (Hapag) ein, deren Generaldirektor er Ende 1918 wurde. Doch von 1919 an wurde er wieder in verstärktem Maße, wenngleich zunächst noch oftmals nur inoffiziell, für die deutsche Regierung tätig. Das ihm bis 1922 mehrfach angebotene Amt des Außenministers lehnte er jedoch stets ab. Mit der Berufung des in der freien Wirtschaft reüssierenden Cuno zum Reichskanzler und weiteren Wirtschafts- und Finanzexperten zu Reichsministern verband man die Hoffnung, der Wertverfall der deutschen Währung könne gestoppt und die drückende Reparationslast gemildet werden. Doch insbesondere französischer Widerstand verhinderte entsprechende Maßnahmen. Statt dessen besetzten im Januar 1923 französische und belgische Truppen das Ruhrgebiet, da Deutschland mit den im Rahmen der Reparationsleistungen auch geschuldeten Warenlieferungen im Rückstand war. Die Regierung Cuno rief zum passiven Widerstand, zum Generalstreik auf, in dessen Gefolge es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen mit den überlegenen Besatzungstruppen kam. Die durch den Ausfall ihres industriellen Herzens und den Ansturm der Flüchtlinge aus diesem Gebiet geschwächte Republik sah keinen Ausweg mehr, als dem drohenden finanziellen Infarkt durch den massiven Einsatz der Notenpresse zu begegnen, mit der Folge, dass die ohnehin bereits seit Kriegsende galoppierende Inflation immer neue Rekordhöhen erreichte und beispielsweise ein einfaches Hühnerei bald 150 Milliarden Mark kostete. Vor dem Hintergrund der Ruhrkrise wurde eine starke Regierung für erforderlich gehalten, die die erforderlichen Maßnahmen mit der Unterstützung einer breiten parlamentarischen Mehrheit durchführen konnte. Die SPD konnte sich unter Cunos Führung keine solche Regierung vorstellen und stellte im Reichstag ein Misstrauensvotum gegen den Regierungschef. Dieser trat daraufhin zurück und widmete sich fürderhin wieder (mit Erfolg) bis zu seinem Tode der Hapag.


Gustav Stresemann [1923] (10.5.1878 - 3.10.1929)

Die 1923 verzweifelt herbeigesehnte starke Regierung wurde im August unter der Führung des in Berlin gebürtigen Volkswirts Dr. Gustav Stresemann geschmiedet. Die den DVP-Politiker unterstützende große Koalition wurde nun u. a. auch von der SPD mitgetragen. Stresemann gab in der Ruhrkrise nach und führte am 15. November eine Währungsreform durch, mit der es gelang, der Hyperinflation Einhalt zu gebieten und die Stabilität der Preise wiederherzustellen.

Nach seinem durch den Austritt der SPD aus der Koalition erzwungenen Rücktritt als Reichskanzler, 99 Tage nachdem er dieses Amt angetreten hatte, reüssierte Stresemann unter zwei Reichskanzlern und in fünf verschiedenen Regierungen als Außenminister des Deutschen Reiches. Er konnte die vollständige Räumung des Ruhrgebietes bis 1925 durchsetzen. Mit dem in diesem Jahr geschlossenen Locarno-Pakt konsolidierte Stresemann die Westgrenze des Deutschen Reiches und 1926 erreichte der DVP-Außenpolitiker gar die Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund, in welchem dem ehemaligen Kriegsgegner sogar ein Großmächten vorbehaltener ständiger Ratssitz zugestanden wurde. Stresemann erhielt für seine außenpolitischen Verdienste als erster Deutscher überhaupt den Friedensnobelpreis (1926), zusammen mit seinem französischen Amtskollegen Aristide Briand. Sein politischer Werdegang zeigt, wie ein zunächst monarchistisch-nationalistischer Politiker, Gründer der Deutschen Volkspartei (DVP) und im Ersten Weltkrieg Verfechter eines Siegfriedens und des uneingeschränkten U-Boot-Krieges, wegen der Einsicht in realpolitische Notwendigkeiten zum entschlossenen und geschickten Verteidiger demokratischer Ziele werden konnte.


Wilhelm Marx (I) [1923 - 1924/25] (15.1.1863 - 5.8.1946)

Marx studierte von 1881 bis 1884 Jura in Bonn und trat 1888 nach Absolvierung seiner Referendarzeit in den preußischen Justizdienst ein. Sechs Jahre später wurde er in Elberfeld Landrichter. Im selben Jahr begann er seine Tätigkeit für die Zentrum-Partei. Sowohl seine politische als auch seine juristische Karriere schritten in der Folgezeit schnell voran. In beruflicher Hinsicht wurde er 1904 Landgerichtsrat in Köln, 1907 Oberlandesgerichtsrat in Düsseldorf und 1921 Senatspräsident am Kammergericht in Berlin. Parallel dazu erlangte er auch im Zentrum immer einflussreichere Positionen - bis hin zur Übernahme des Amtes des Parteivorsitzenden im Jahre 1922. Darüber hinaus wirkte der gläubige Katholik auch als Präsident des Katholikentages in Augsburg (1910) und als Vorsitzender des Volksvereins für das Katholiische Deutschland (1922). In den Reichstag wurde er 1910 erstmals gewählt, 1922 übernahm er den Vorsitz der Zentrum-Reichstagsfraktion. Am 30. November 1922 wurde Marx zum Reichskanzler einer bürgerlich-konservativen Minderheitsregierung gewählt, die er auch nach der Reichstagswahl vom 4. Mai 1924 fortsetzte. Als aber auch eine erneute Wahl am 7. Dezember keine Stärkung der ihn im Reichstag unterstützenden Parteien brachte, trat er als Reichskanzler zurück.


Hans Luther [1925 - 1926] (10.3.1879 - 11.5.1962)

Der aus einer wohlhabenden Berliner Kaufmannsfamilie stammende Hans Luther studierte ab 1897 in Kiel, Genf und Berlin Jura und promovierte 1904 zum Dr. iur. Danach begann er eine Karriere in der Lokalpolitik, die ihn u. a. 1913 zum geschäftsführenden Vorstandsmitglied des Deutschen Städtetages und 1918 zum Oberbürgermeister Essens machte. Wilhelm Cuno berief den parteilosen Juristen dann als Minister für Ernährung und Landwirtschaft 1922 in sein Kabinett, unter dessen Nachfolger Stresemann diente Luther, wie danach auch im ersten von Wilhelm Marx gebildeten Kabinett, als Finanzminister und hatte hier wesentlichen Anteil an der erfolgreichen Bekämpfung der Inflation. Nachdem seine bürgerliche Minderheitsregierung durch den Rücktritt der DNVP-Minister wegen der Unterzeichnung des Locarno-Abkommens zerfallen war, bildete Luther am 19. Januar 1926 eine Minderheitenregierung, die aber nicht einmal vier Monate hielt. Anlass für den Rücktritt des Reichskanzlers Luther war, wie so oft in der Zeit der Weimarer Republik, ein eher unbedeutendes Ereignis - der so genannte "Flaggenstreit" über die Einführung einer leicht veränderten kaiserlichen Flagge für die Auslandsbotschaften und -konsulate des Deutschen Reiches. 1927 trat Luther der DVP bei und gründete im Januar 1928 den "Bund zur Erneuerung des Reiches", der als "Luther-Bund" bekannt wurde. Von März 1930 bis März 1933 amtierte der erfahrene Finanzexperte Luther dann als Präsident der Reichsbank, bevor er bis 1937 als Botschafter des Deutschen Reiches in die USA geschickt wurde. Nach dem Krieg lehrte Luther ab 1952 als Honorarprofessor für politische Wissenschaften an der Hochschule für Politik in München.


Wilhelm Marx (II) [1926 - 1928]

Marx, der von 1923 bis 1924/25 erstmalig Reichskanzler gewesen war, wurde im Jahre 1925 zum preußischen Ministerpräsidenten gewählt. Nachdem er dort, parallel zu den Problemen des Reichskanzlers Marx, kein arbeitsfähiges Kabinett bilden konnte, trat er jedoch nach gerade einmal zwei Monaten zurück. Bei der Präsidentenwahl 1925 unterlag Marx, obwohl Kandidat der demokratischen Parteien der Mitte, überdies dem Feldmarschall Paul von Hindenburg, der von der politischen Rechten massiv unterstützt wurde. Das Zünglein an der Waage spielte ausgerechnet der dritte Kandidat, der Kommunist Thälmann. Die 1,9 Millionen Stimmen, die auf ihn entfielen, fehlten letzten Endes Marx, der mit 13,7 Millionen Stimmen gegen 14,6 Millionen Stimme, welche auf von Hindenburg entfallen waren, unterlag. Im zweiten Kabinett Luthers war Marx als Reichsjustizminister tätig und überdies für die besetzten Gebiete zuständig. Als die Regierung Luthers am 12. Mai gestürzt wurde, war erneut die Stunde des Wilhelm Marx gekommen. Erneut wurde er zum Reichskanzler gewählt - und erneut konnte er sich nur auf eine Minderheitsregierung stützen. Nachdem die SPD aus der Reichstagswahl vom 20. Mai 1928 als Wahlsiegerin hervorgegangen war, trat Marx am 12. Juni von seinem Amt zurück. Im Dezember legte er auch den Parteivorsitz nieder und 1932 schied er schließlich noch aus dem Reichstag aus.


Herrmann Müller (II) [1928 - 1930]

Müller, der Reichskanzler des Jahres 1920, war von 1920 bis 1928 Vorsitzender der SPD-Fraktion im Weimarer Reichstag gewesen. Als es 1928 zu einer großen Koalition kam, war Herrmann Müller wegen seiner Erfahrung mit einer ähnlichen politischen Konstellation für das Amt des Regierungschef beinahe prädestiniert. Doch die Hoffnung auf politische und wirtschaftliche Stabilität wurde 1929 mit dem "schwarzen Freitag" an der New Yorker Börse (obwohl der 24. Oktober eigentlich ein Donnerstag war, konnte sich in Anlehnung an frühere Börsencrashs diese Bezeichnung durchsetzen) und der von ihm ausgelösten Weltwirtschaftskrise jäh beendet. Gerade das zudem nach wie vor mit hohen Reparationszahlungen belastete Deutschland traf die globale Rezession hart, da weder die Arbeitnehmer, noch die Unternehmen oder der Mittelstand in der Lage gewesen waren, in der Zeit des Wiederaufbaus nach dem Kriege nennenswerte finanzielle Rücklagen zu bilden. In der Folge sank die Nachfrage nach Gütern sowohl der industriellen als auch der landwirtschaftlichen Produktion fast so schnell wie die Arbeitslosenzahlen stiegen. Dies wirkte sich auch fatal auf die erst kurz zuvor eingeführte Arbeitslosenversicherung aus, da diese ebenfalls noch keine Reserven bilden konnte, so dass zum Ausgleich ihres Defizites entweder eine Erhöhung der Beitragssätze oder eine Absenkung des Leistungsniveaus erforderlich war. Beide Alternativen waren unerfreulich - während erstere die Arbeit und die erzeugten Produkte noch teuerer machen würde, hätte zweitere die ohnehin schon darbenden Arbeitslosen noch weiter in Richtung Armut gestoßen und damit zu einem zusätzlichen Ansehensverlust der Regierung der sie tragenden politischen Kräfte der Mitte geführt. Der Streit darüber, welches Übel vorzuziehen sei, führte schließlich zum Bruch der großen Koalition und zum Ende der Regierung Müller. Herrmann Müller starb bis auf eine Woche genau ein Jahr nach seinem Rücktritt am 20. März 1931 an den Folgen einer Gallenoperation.


Heinrich Brüning [1930 - 1932] (26.11.1885 - 30.3.1970)

Nun kam die Stunde des Reichspräsidenten von Hindenburg, der gewillt war, seine verfassungsrechtlichen Kompetenzen zur Bildung und Stützung einer Präsidialregierung zu nutzen, also einer Regierung, die nötigenfalls auch ohne parlamentarische Unterstützung handlungsfähig war. Als Reichskanzler hatte von Hindenburg Dr. Heinrich Brüning auserkoren. Brüning, der Geschichte, Rechtswissenschaften und Volkswirtschaft studiert hatte, war zwar von 1920 bis 1930 Geschäftsführer des Deutschen Gewerkschaftsbundes gewesen, galt inzwischen aber als eher rechts der Mitte stehender Abgeordneter im Reichstag, in den er 1924 für das Zentrum eingezogen war. Dort übernahm er Ende 1929 den Fraktionsvorsitz des Zentrum, bevor er dann 1930 zum Reichskanzler der ersten Präsidialregierung Hindenburgs wurde. Der Reichstag widersetzte sich zunächst den Maßnahmen, die Brüning vorgesehen hatte. Das führte jedoch noch 1930 zur Auflösung des Parlamentes durch den Reichspräsidenten von Hindenburg und zu Neuwahlen, aus denen ein zunehmend radikalisiertes Parlament hervorging, in dem die Vertreter der Mitte, namentlich der SPD, nun aus Angst vor einer weiteren Reichstagsauflösung keinen Widerstand mehr gegen Brünings Politik wagten.

Ab 1931 hatte Brüning auch noch das Amt des Außenministers inne und sich damit angesichts der enormen Schwierigkeiten und Bedrohungen, denen sich die Weimarer Republik in diesen Jahren des wirtschaftlichen Niedergangs und der zunehmenden politischen Radikalisierung ausgesetzt sah, vielleicht übernommen. Überdies setzte er auf eine radikale Deflationspolitik, was nach damaligem Stand der noch unter dem Inflationsschock der zwanziger Jahre stehenden Volkswirtschaftslehre zwar allemal eine gut vertretbare Weichenstellung, im Nachhinein betrachtet jedoch ein fataler Fehler war. Die Erhöhung von Steuern, Zöllen und Sozialabgaben bei gleichzeitiger Senkung der Gehälter, Staatsausgaben und Subventionen stabilisierte zwar die Währung und die Preise, festigte zugleich jedoch auch die Arbeitslosigkeit, da die Binnennachfrage niedrig blieb und auch der neue Ausfuhrrekorde erzielende Export nicht die benötigten Impulse zur Schaffung neuer Arbeitsplätze geben konnte. Zwar konnte Brüning erreichen, dass im Sommer 1931 alle Reparationszahlungen für die Dauer eines Jahres ausgesetzt wurden, die wirtschaftliche und finanzielle Notlage konnte auch dieser Erfolg jedoch nicht beheben. Doch verantwortlich für das Ende der Ära Brüning war eine Entfremdung des Kanzlers von seinem Präsidenten, der sich zusehends an der politisch eher moderaten Haltung des Zentrum-Politikers stiess. Einen eher unbedeutenden Anlass - Brüning wollte hochverschuldeten Großgrundbesitz im Osten kaufen, um diesen zu Siedlungszwecken zu verwenden und somit nicht nur die Zahl der Arbeitslosen verringern, sondern auch die Ost-West-Wanderung bremsen - nutzte von Hindenburg, um Brüning das Vertrauen zu entziehen. Daraufhin trat dieser von seinem Amt zurück. 1934 musste Brüning schließlich vor den Nachstellungen des Nazi-Regimes über die Niederlande in die Vereinigten Staaten von Amerika flüchten. Dort lehrte er als Professor für Politische Wissenschaften an der Universität Harvard. Erst 1951 kam Brüning nach Deutschland zurück, wo er einen Lehrauftrag an der Kölner Universität erhielt. 1955 kehrte er dann jedoch in die USA zurück. Dort starb er am 30. März 1970.


Franz von Papen [1932] (29.10.1879 - 2.5.1969)

Seit 1918 war von Papen Mitglied der katholischen Zentrum-Partei, aus der er später jedoch austrat. Seine politische Karriere konzentrierte der Sohn eines westfälischen Gutsbesitzers auf Preußen, dessen Abgeordnetenhaus er von 1920 bis 1928 und dann wieder von 1930 bis 1932 angehörte. Papen wurde zum Nachfolger Brünings auserkoren, da der den Großgrundbesitzern und der Schwerindustrie nahe stehende Preuße im Gegensatz zu seinem Vorgänger als politisch eher unbedarft und vor allem leicht zu beeinflussen galt. Sein "Kabinett der nationalen Konzentration" wurde ob des hohen Anteils adliger Minister ohne Bindung an eine im Reichstag vertretene Partei auch als "Kabinett der Barone" verspottet. Von Papen begann die systematische Ausschaltung demokratischer Gegenkräfte zu einer starken Zentralgewalt, indem er im Juli 1932 mit Hilfe der Reichswehr die von den Sozialdemokraten Braun und Severing angeführte Regierung Preußens absetzte und sich vom Reichspräsidenten von Hindenburg zum "Reichskommissar" in Preußen ernennen ließ. Zwar erkannte der Staatsgerichtshof auf Klage von Braun dieses als "Preußenputsch" oder "Preußenschlag" bekannt gewordene Vorgehen als verfassungswidrig, von Papen ignorierte das Urteil jedoch. Statt dessen fiel ihm die Aufgabe der Reparationsforderungen durch die Alliierten im Rahmen einer Konferenz im schweizerischen Lausanne mehr oder minder in den Schoß. Doch von Papen sah sich dennoch einer zusehends radikalisierten Gesellschaft gegenüber - während am rechten Rand des politischen Spektrums die Nationalsozialisten Auftrieb verspürten, eilten auch am linken Rand die Kommunisten von einem Wahlerfolg zum nächsten. Bald versprach sich von Papen nur noch von einem Coup D´Etat Rettung. Sein Versuch, mit Hilfe der Reichswehr den Plan eines Verbotes der Parteien und Gewerkschaften in die Realität umzusetzen, scheiterte jedoch am Widerstand seines Reichswehrministers von Schleicher. Der so brüskierte Reichskanzler trat daraufhin zurück. In den Jahren 1933/34 bekleidete von Papen das Amt des Vizekanzlers unter Hitler. Danach ging er bis 1944 als Botschafter des Deutschen Reiches nach Wien und Ankara. Das Nürnberger Militärtribunal sprach den Opportunisten von Papen 1946 zwar frei, 1947 wurde er jedoch in einem Spruchkammerverfahren zu acht Jahren Arbeitslager verurteilt, aus dem er aber bereits 1949 entlassen wurde.


Kurt von Schleicher [1932 - 1933] (7.4.1882 - 30.6.1934)

Kurt von Schleicher, der letzte Reichskanzler vor Hitler, symbolisierte wie wohl nur noch von Hindenburg und Ludendorff die Macht und den Einfluss des Militärs auf die deutsche Politik im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Von Schleicher hatte schon früh exponierte militärische Positionen bekleidet: 1913 war er Mitglied des Großen Generalstabes und 1914 sogar - allerdings nur im Range eines Hauptmanns - in den Stab des Generalquartiermeisters aufgerückt. Den Wechsel ins politische Lager vollzog er 1918/19, als er als politischer Referent im Reichswehrministerium begann. Diese Tätigkeit übte er bis ins Jahre 1929 aus, dann wurde er im Zuge einer Umstrukturierung des Ministeriums Staatssekretär und strebte selbstbewusst nach noch höheren Aufgaben. Er war sowohl am Sturz der (zweiten) Regierung Müller als auch am Sturz der Regierung Brüning beteiligt. Inzwischen zum Generalleutnant befördert wurde von Schleicher im Frühsommer 1932 vom damaligen Reichskanzler von Papen als Reichswehrminister in die Regierung geholt. Da von Schleicher zu den einflussreichsten Vertrauten des Reichspräsidenten von Hindenburg gehörte, war er damit eigentlich der starke Mann in der Reigerung von Papen, den er dann ja letzten Endes auch zum Rücktritt zwang. In das höchste Regierungsamt aufgerückt versuchte er nun, einerseits die NSDAP zu domestizieren und sich andererseits auch den Gewerkschaften anzunähern. Damit stieß er jedoch ausgerechnet den Kreisen vor den Kopf, die seinen Aufstieg gefördert und letzten Endes erst ermöglicht hatten. In dem Maße, in dem Schwerindustrie und Großgrundbesitzer von ihrem einstigen Günstling abrückten, gewann der düpierte von Papen wieder an Einfluss, insbesondere auch bei von Hindenburg. Der ebenfalls enttäuschte Reichspräsident ließ schließlich 1933 seinen Kanzler von Schleicher fallen, der zuvor noch versucht hatte, von Hindenburg zur befristeten Verleihung diktatorischer Vollmachten zur Stabilisierung der politischen Lage zu überreden. Am 28. Januar trat Kurt von Schleicher zurück. Seiner dabei ausgesprochenen Empfehlung, Hitler zum Reichskanzler zu ernennen, kam von Hindenburg nach - ein fataler Fehler, auch für von Schleicher. Dieser wurde nämlich im Zuge der "Röhm-Revolte", einer groß angelegten Säuberungsaktion, in der sich Hitler unter dem Vorwand eines angeblich drohenden Putsches durch den populären SA-Anführer Röhm der innerparteilichen Opposition entledigte, 1934 ermordet.


Adolf Hitler [1933 - 1945] (20.4.1889 - 30.4.1945)

Über keine Figur der Geschichte des Zwanzigsten Jahrhunderts wurde wohl so viel geschrieben wie über den 1889 im österreichischen Braunau am Inn als Sohn eines Zollbeamten (der bis 1877 noch den Nachnamen Schicklgruber trug) geborenen Adolf Hitler. 1913 zog Hitler, seit 1907 Vollwaise und danach als Landschaftsmaler in Wien tätig, nach München - auch, um dem Wehrdienst in der österreichisch-ungarischen Armee zu entgehen (später musste er doch noch zur Musterung zurück nach Österreich, wurde dort jedoch für untauglich befunden). Die politische Karriere Hitlers begann aber erst im Jahre 1919, als er, zwar nur im unbedeutenden Rang eines Gefreiten der deutschen (nicht etwa der österreichischen) Armee aber dennoch mit einem Eisernen Kreuz ausgezeichnet aus dem Ersten Weltkrieg zurückgekehrt, der Deutschen Arbeiterpartei beitrat, die gerade mal ein Jahr später in "Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei" (NSDAP) umbenannt wurde. Seit dem 29. Juli 1921 stand er, ausgestattet mit nachgerade diktatorischen Vollmachten, der NSDAP vor.

Am 8. November 1923 kam es dann zu dem Putschversuch in München, an dem neben Hitler auch General Ludendorff, neben von Hindenburg einst herausragende Figur der OHL im Ersten Weltkrieg, beteiligt war. Doch nur einen Tag später war der Spuk bereits vorbei, beendet durch das Einschreiten der bayerischen Reichswehr und der Polizei. Hitler wurde, obwohl einer der Drahtzieher und zentralen Figuren des Putches, zu lediglich fünf Jahren Haft verurteilt. Doch damit nicht genug der stillschweigenden Beihilfe durch die bayerische Justiz. Die eigentlich gebotene Ausweisung des Straftäters Hitler nach Österreich erfolgte nicht, weil der mit der Sache betraute Richter dem österreichischen Staatsbürger eine deutsche Gesinnung bescheinigt und deswegen an dem Deutschen zustehenden Schutz vor einer Auslieferung an fremde Staaten teilhaben ließ. Statt dessen wurde Hitler bereits 1924 amnestiert. Während der Zeit seines Gefängnisaufenthaltes hatte der gescheiterte Putschist "Mein Kampf" geschrieben, seinen autobiographisch verbrämten Entwurf einer antisemitischen, faschistischen, expansionistisch-aggressiven Politik. Das Buch sollte zur Bibel der nationalsozialistischen Bewegung werden, das, obwohl wie die Heilige Schrift schließlich beinahe in jedem Haushalt zu finden, wohl ähnlich selten gelesen wurde. Dennoch ist "Mein Kampf" die Achillesferse der späteren Rechtfertigungs- und Entschuldigungsversuche der besiegten Deutschen. Von nichts gewusst zu haben, kann angesichts der eindeutigen Aussagen in Hitlers Kampfschrift bestenfalls bedeuten, grob fahrlässig von nichts gewusst zu haben.

1925 gründete Hitler die nach dem gescheiterten Putsch verbotene NSDAP neu. Als er sich Ende April aus der österreichischen Staatsbürgerschaft entlassen ließ, wurde er staatenlos. Nachdem gegen Hitler im selben Jahr verhängte Redeverbote durch die bayerische und preußische Regierung 1927, bzw. 1928 wieder aufgehoben wurden, setzte dieser seine Agitationsarbeit fort und erntete mit zunehmender gesellschaftlicher Radikalisierung und diversen Wahlerfolgen der NSDAP auf Landes- und Reichsebene verstärkt öffentliche Aufmerksamkeit. Am 10. Oktober 1931 empfing ihn Reichspräsident von Hindenburg erstmals zu einer Aussprache. Der Versuch, die NSDAP dadurch zu schwächen, schlug jedoch fehl.

1932/33 überstürzten sich dann die Ereignisse. Bei der Präsidentenwahl 1932 unterlag Hitler, dem inzwischen wegen seiner Ernennung zum Regierungsrat in Braunschweig die deutsche Staatsbürgerschaft zuerkannt wurde, dem erneut kandidierenden Amtsinhaber von Hindenburg. Dieser benötigte diesmal jedoch auch die Unterstützung der Parteien der Mitte. Dennoch entfielen auf Hitler beachtliche 13,4 Millionen Stimmen (auf von Hindenburg 19,4 Millionen und auf den ebenfalls angetretenen Thälmann 3,7 Millionen). Aus der Reichstagswahl im Juli 1932 war Hitlers NSDAP als große Gewinnerin und mit Abstand stärkste Partei hervorgegangen. Der gewaltige Wahlerfolg, der der NSDAP eine Verdoppelung ihres Stimmenanteils im Vergleich zur Reichstagswahl 1930 gebracht hatte, beunruhigte nun selbst deutschnationale Kräfte, darunter auch von Hindenburg. Und tatsächlich brachten die von diesem verursachten Neuwahlen im November 1932 die erhoffte Schwächung der Nationalsozialisten, die sich jedoch trotz eines Verlustes von vier Prozentpunkten nicht "abgenutzt" hatten, sondern nach wie vor die mit Abstand stärkste Partei blieben.

Am 30. Januar 1933 wurde Hitler durch von Hindenburg zum Reichskanzler berufen. Als Reaktion auf den (von der NSDAPselbst inszenierten) Reichstagsbrand vom 27. Februar 1933 und veranlasst von seinem Reichskanzler Hitler erließ von Hindenburg am 28. Februar das "Gesetz zum Schutz von Volk und Reich", das zahlreiche Grundrechte außer Kraft setzte und den ersten großen Schritt zu Hitlers "Machtergreifung von oben" darstellte. Im März erreichte Hitler, nachdem die NSDAP bei den Wahlen am 5. des Monats mit 43,9 Prozent der Stimmen deutlich hinter der angestrebten absoluten Mehrheit zurück geblieben waren, mit dem Ermächtigungsgesetz ("Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich") schließlich die Selbstentmachtung des Reichstages. Dies geschah unter, allerdings zähneknirschender, Mithilfe etwa des Zentrum. Da Hitlers Schutzstaffeln zuvor jedoch zahlreiche Kommunisten inhaftiert hatten und Abgeordnete der Kommunistischen und der Sozialdemokratischen Partei im Vorfeld der entscheidenden Abstimmung massiv bedroht wurden, den Kommunisten gar die Teilnahme an der Abstimmung untersagt und die KPD selbst verboten worden war, da die Braunhemden der NSDAP während dieser Reichstagssitzung massive Präsenz vor Ort demonstrierten, dürfte die Abstimmung kaum mit den rechtsstaatlichen Grundsätzen einer freien, nur dem Wähler und dem eigenen Gewissen verpflichteten Entscheidung im Einklang gestanden haben. Die gängige Ansicht, die auf dieser so geschaffenen Grundlage später ergangenen Gesetze, Verordnungen und Entscheidungen der Reichsführung seien somit wegen des angeblich ordnungsgemäß zustande gekommenen Ermächtigungsgesetzes, überpositives Recht (so es denn so etwas gibt) einmal außer Betracht gelassen, im Einklang mit der Verfassung der Weimarer Republik ergangen, ist viel zu formalistisch und sollte endlich überdacht werden. Richtig ist vielmehr, dass alle Kompetenzen, die durch das Ermächtigungsgesetz mittel- oder unmittelbar geschaffen wurden, unwirksam, alle darauf gestützten Rechtssetzungsakte null und nichtig waren. Mit dem Ermächtigungsgesetz wurde Hitlers Deutschland zum Unrechtsstaat. Und das war dennoch erst der Anfang. Die Landesparlamente wurden in ihrer Zusammensetzung dem Reichstag "gleichgeschaltet", die Länder selbst der Überwachung durch "Reichsstatthalter" unterstellt, die mächtigen Gewerkschaften durch die "Deutsche Arbeitsfront" ersetzt, die SPD verboten und die bürgerlichen Parteien zur Selbstauflösung gezwungen. Nach dem Tode von Hindenburgs übernahm Hitler 1934 auch noch das Amt des Reichspräsidenten. In den Folgejahren bereitete Hitler einerseits den großen Krieg, mit dem er den ersehnten Lebensraum im Osten erobern wollte, vor. Er schaltete parteiinterne Gegner - und solche Parteigrößen, die einmal zu Gegnern werden könnten - gnadenlos und zielstrebig aus. Die innerstaatliche Opposition wurde verboten, verfolgt und vernichtet, die Streitkräfte dem Versailler Vertrag zum Trotz ausgebaut, eine riesige Propagandamaschine geschaffen und die Deutschen in gleichgeschalteten und monolithisch strukturierten Organisationen in allen Bereichen des Alltagslebens einem quasi-militärischen Drill unter- und zu blindem Gehorsam erzogen. Andererseits trieb Hitler sich und die Deutschen aber auch immer weiter in eine Situation, in der beinahe nur noch die Wahl zwischen einem Krieg im Inneren, etwa einer Revolution, oder der Aggression nach außen bestand. Denn der deutsche Staat war Ende der dreißiger Jahre so gut wie pleite, in- und ausländische Zahlungsverpflichtungen erdrückten die politische Führung. Ein wichtiger Grund für diese desolate Lage war nicht zuletzt die vermeintliche Großtat, für die dem Braunauer auch heute noch zu Unrecht gelegentlich eine gewisse Bewunderung entgegengebracht wird. Indem Hitler durch groß angelegte Arbeitsprogramme die Massenarbeitslosigkeit im Rekordtempo abbaute, Abertausende Menschen wieder in Lohn und Brot setzte, erlangte er nicht nur den Ruf eines anpackenden, volksnahen Politikers, sondern auch den Respekt und die Dankbarkeit der Betroffenen. Zu leicht gerät dabei aber aus dem Blick, dass es sich bei dem Bau der Autobahnen, bei den Ernteeinsätzen und den übrigen beschäftigungspolitischen Maßnahmen um eine wirtschaftspolitische Todsünde handelte. Denn geschaffen wurden praktisch alle dieser Arbeitsplätze durch rückhaltloses "deficit spending". Das Arbeitsplatzwunder war ein auf Pump finanziertes Luftschloss, das irgendwann einmal in sich zusammenfallen und den deutschen Staat in den Ruin treiben musste. Der einzige Ausweg war ein Ereignis, das nicht nur Millionen Menschen Beschäftigung verschaffen, sondern zugleich in der Lage sein würde, die Öffentlichkeit von weiteren finanzpolitischen Katastrophen abzulenken: ein Krieg.

Am 1. September 1939 stürzte der "Führer und Reichskanzler" die Menschheit dann in den Zweiten Weltkrieg, in dem er ab 1941 auch noch als Oberbefehlshaber des Heeres nach eigenem Gutdünken schalten und walten konnte. Die Anfangserfolge waren groß und die eroberten Gebiete riesig. Doch nachdem Hitler-Deutschland am 22.6.1941 den ehemaligen Verbündeten UdSSR überfallen und am 11.12.1941 den USA den Krieg erklärt hatte, wendete sich das Blatt. Ab Winter 1942/43 befanden sich die deutschen Truppen allerorts in der Defensive oder bereits auf dem Rückzug. Gleichzeitig wuchs der innerstaatliche Widerstand. Am 20. Juli 1944 überlebte Hitler ein Attentat, das vor allem Wehrmachtsoffiziere um Generaloberst Ludwig Beck und Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg auf ihn verübten. So knapp wie bei dieser Bombenexplosion im Führerhauptquartier war Hitler bei keinem anderen der insgesamt über vierzig auf ihn verübten Attentate mit dem Leben davon gekommen. Doch neun Monate später war der Spuk dann endgültig vorbei. Nachdem die russische Armee die Reichshauptstadt Berlin bereits seit 14 Tagen attackiert hatte, nahm sich Adolf Hitler im Bunker der Reichskanzlei am 30.4.1945 das Leben. Mit seinem Suizid hatte Hitler nicht nur das letzte Kapitel einer finsteren Zeit eröffnet, in der das Deutsche Reich dem Untergang geweiht, ein in seiner systematischen Planung und Durchführung bislang beispielloser Massenmord an Menschen jüdischen Glaubens verübt und unsägliches Leid über die Welt gebracht worden war, sondern zugleich den letzten deutschen Reichskanzler getötet, der dieses Amt wirklich ausgeübt hat.


Johann Ludwig Graf Schwerin von Krosigk [1945] (22.8.1887 - 4.3.1977)

Der nach Flensburg ausgewichene Großadmiral Karl Dönitz, den Hitler zu seinem Nachfolger ernannt hatte, bestellte eine "Geschäftsführende Reichsregierung" mit (dem ehemaligen Finanzminister) Schwerin von Krosigk als Ministerpräsidenten. Doch zu führen gab es da nicht viel. Angesichts der militärischen Situation blieb Dönitz und seiner Regierung vielmehr nur noch die Kapitulation. Diese bot er den Alliierten nach wenigen Tagen dann auch an, welche die Heeresführung dazu nutzte, noch so viele Truppenteile wie möglich nach Westen zu verlagern und so dem Zugriff der nicht zu Unrecht gefürchteten Roten Armee zu entziehen. Am 7.5.1945 unterzeichnete eine deutsche Delegation die bedinungslose Kapitulation in Reims, eine Prozedur, die in der Nacht vom 8. auf den 9. Mai im sowjetischen Hauptquartier wiederholt wurde.

Doch der Zweite Weltkrieg wurde beinahe unmittelbar vom Kalten Krieg zwischen dem Westen und dem sowjetisch dominierten Osten abgelöst. Und das besiegte und von der Nazi-Diktatur befreite Deutschland lag genau an der Frontlinie dieses dritten großen Konfliktes, der das Bild dieses Jahrhundertes prägen sollte. Aufgeteilt in vier Besatzungszonen unterstand das Deutsche Reich, das rein staatsrechtlich betrachtet nicht untergegangen war (und auch heute noch in Form der Bundesrepublik Deutschland existiert), der politischen Führung der jeweiligen Besatzungsmacht. Schon bald zeichnete sich ab, dass die Sowjets einerseits und Franzosen, Engländer und Amerikaner andererseits fundamental unterschiedliche Auffassungen bezüglich der Zukunft der besiegten Nation hatten. Der von Winston Churchill erstmalig identifizierte "Eiserne Vorhang" sollte nicht nur Europa im Allgemeinen, sondern das politische Deutschland im Besonderen spalten. Vierzig Jahre lang sollten zwei Regierungen auf deutschem Boden politische Legitimität für sich beanspruchen - die Regierung der am 23.5.1949 mit Verkündung des Grundgesetzes gegründeten Bundesrepublik Deutschland einerseits und die Regierung der am 7.10.1949 ausgerufenen Deutschen Demokratischen Republik (DDR) andererseits. Die DDR, wie immer eher dem Technokratendeutsch denn weihevollem Pathos zugeneigt, verzichtete auf einen "Kanzler". Statt dessen war der Regierungschef in dem SED-Staat, wie in den westdeutschen Ländern und unzähligen anderen Staaten der Welt, stets nur der "Ministerpräsident", bzw., wie es sich für eine Räterepublik geziemt, der Vorsitzende des "Ministerrates". Angesichts der untergeordneten Rolle, die die DDR-Ministerpräsidenten in dem primär vom Politbüro der Einheitspartei SED beherrschten Staate spielten, bleibt der nachfolgende Exkurs weg von den Kanzlern und hin zu den Ministerpräsidenten bewusst im Stile eines kursorischen Überblicks gehalten.


Otto Grotewohl [DDR: 1949 - 1964] (11.3.1894 - 21.9.1964)

Der Sozialdemokrat Grotewohl, der sich in der Zeit zwischen 1933 und 1945 steter Repressalien durch die NSDAP-Machthaber ausgesetzt sah, wurde zu einer der tragischen Figuren der Nachkriegszeit. Unter der Führung des gelernten Buchdruckers wurde die SPD in das SED-Bündnis mit der KPD gezwungen. Die dreißig Silberlinge, mit denen ihm die stillschweigende, wenngleich zähneknirschende Duldung dieses Vorganges gelohnt wurde, bestanden neben der Bestellung zum Vorsitzenden der SED (gemeinsam mit Wilhelm Pieck) in der Wahl Grotewohls zum ersten Ministerpräsidenten der Deutschen Demokratischen Republik durch die Volkskammer, dem Parlament der DDR, am 12. Oktober 1949 (Pieck wurde einen Tag zuvor zum Staatspräsidenten gewählt). Obwohl Grotewohl, zu dessen Stellvertreter der schon damals einflussreiche Walter Ulbricht bestimmt wurde, eine Allparteien-Blockregierung bildete, blieb er doch auch hier weitgehend nur eine Marionette der Mächtigen. Denn diese saßen allesamt in der SED. Nicht der Ministerpräsident bestimmte die Richtlinien der Politik, er durfte sie nur exekutieren. In Grotewohls Amtszeit fielen u. a. die blutige Niederschlagung des Arbeiter-Aufstandes am 17. Juni 1953, die Stalin-Noten und der Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961. Die Fäden hielt jedoch Walter Ulbricht in der Hand, nicht der Ministerpräsident und gefallene Sozialdemokrat Grotewohl, der sich ab September 1960 auch noch mit dem (ebenfalls praktisch unbedeutenden) Titel des stellvertretenden Staatsratsvorsitzenden schmücken durfte.


Willi Stoph (I) [DDR: 1964 - 1973] (9.7.1914 - 13.4.1999)

Als Grotewohl 1964 starb, wurde sein Amt von Willi Stoph übernommen. Dieser war erst am Ende der Weimarer Republik, 1931, der KPD beigetreten. Doch statt wie so viele seiner Genossen inhaftiert und in einem Konzentrationslager interniert zu werden, wurde der Kommunist und gelernte Maurer Stoph als Soldat an die Front geschickt. Nach dessen Ende trat er der durch den Zwangszusammenschluss von KPD und SPD in der russischen Besatzungszone neu gegründeten Sozialistischen Einheitspartei Deutschland (SED) bei, deren Zentralkomitee er als Sekretär von 1950 bis 1953 diente und deren Politbüro er von 1953 bis 1989 angehörte. Von 1952 bis 1955 war er Innenminister, von 1956 bis 1960 Verteidigungsminister der DDR. Bevor er Grotewohls Amtsnachfolger wurde, fungierte Willi Stoph von 1962 an noch als Erster Stellvertrender Ministerpräsident der DDR. 1968 trat eine neue Verfassung in Kraft, in welcher die politischen Realitäten, die beinahe unangefochtene Führungsrolle der SED, auch rechtlich anerkannt wurden. Drei Jahre später endete dann die Ära Ulbricht. Der SED-Veteran war bei den Moskauer Herren in Ungnade gefallen, seine Nachfolge als starker Mann in Partei und Staat trat Erich Honecker an.


Horst Sindermann [DDR: 1973 - 1976] (5.9.1915 - 20.4.1990)

Der in Dresden als Sohn eines Buchdruckers geborene Sindermann kam früh mit kommunistischen Organisationen in Berührung und wurde mit 14 Jahren Mitglied des Kommunistischen Jugendverbandes Deutschland. Nachdem er bereits 1933 inhaftiert und zu acht Monaten Gefängnis verurteilt worden war, wurde er 1935 schließlich sogar wegen angeblicher "Vorbereitung zum Hochverrat" zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt. Den Krieg verbrachte Horst Sindermann in den Konzentrationslagern Sachsenhausen und Mauthausen. Nach der Befreiung trat Sindermann der KPD bei und wurde bis 1947 Chefredakteur der "Sächsischen Volkszeitung" Dresden und der Chemnitzer "Volksstimme". Danach begann seine Parteikarriere in der SED, in der und für die er verschiedene Ämter ausübte - vom 1. Sekretär diverser Kreis- und Bezirksleitungen, über die - bis 1989 andauernde - Mitgliedschaft in Volkskammer, ZK und Politbüro, bis hin zum (ebenfalls erst 1989 aufgegeben) Vorsitz der Volkskammer. Nachdem er von 1971 bis 1973 bereits dessen Stellvertreter gewesen war, übte Sindermann als Nachfolger Willi Stophs drei Jahre lang dessen Amt als Ministerpräsident der DDR aus. Im Dezember 1989 wurde Sindermann aus der SED ausgeschlossen und zeitweilig in Untersuchungshaft genommen. Einen Monat nach den ersten freien Wahlen zur DDR-Volkskammer verstarb Horst Sindermann.


Willi Stoph (II) [DDR: 1976 - 1989]

Nach seiner ersten Amtszeit als Ministerpräsident der DDR war Stoph kurzfristig zum Staatsratsvorsitzenden aufgestiegen. Doch 1976 machte er dem neuen starken Mann der Partei, Erich Honecker, Platz und kehrte in sein altes Amt zurück, das er bis zu seinem mehr oder eher weniger freiwilligen Rücktritt am 7. November 1989, einen Tag vor dem Rücktritt des Politbüros, bekleidete. Die Absetzung Honeckers am 17. Oktober, von der sich u. a. Egon Krenz, Günter Schabowski, Harry Tisch und eben auch Willi Stoph (die inszenierte Absetzung in der Volkskammer leitete Stoph am 18. Oktober mit den Worten "Erich, es geht nicht mehr. Du musst gehen." ein) die Rettung vor dem vollständigen Zusammenbruch des SED-Regimes erhofften, hatte nicht die gewünschte Wirkung gezeigt. Am 3. Dezember wurde Stoph gar aus der SED ausgeschlossen, danach überdies wegen des Verdachtes des Amtsmissbrauches und der Korruption verhaftet. Zwar wurde er schon 1990 aus gesundheitlichen Gründen aus der Haft entlassen, die erneute Verhaftung ließ jedoch nur bis Mai 1991 auf sich warten. Diesmal sollte er für den Schießbefehl an der innerdeutschen Grenze zur Verantwortung gezogen werden. Im August 1992 erhielt Stoph jedoch erneut Haftverschonung aus gesundheitlichen Gründen, das Verfahren gegen ihn wurde im Juli 1993 wegen damit einhergehender Prozessunfähigkeit schließlich eingestellt.


Hans Modrow [DDR: 1989 - 1990] (geb. 27.1.1928)

Nachfolger Stophs wurde am 13. November 1989 der im Rufe eines Reformers stehende Dresdner SED-Bezirkschef Modrow. Der ausgebildete Maschinenschlosser wurde 1945 in den Volkssturm einberufen und geriet in sowjetischen Gefangenschaft. Dort erhielt er eine "antifaschistische" Ausbildung. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland 1949 trat Modrow der SED bei und wurde Abteilungsleiter und Sekretär des FDJ-Landesvorstandes Brandenburg. Nach einer FDJ-Karriere und dem Besuch der Komsomol-Hochschule in Moskau (1952/53) sowie einem Fernstudium an der Parteihochschule "Karl Marx" (1954-1957) wurde Modrow 1958 Abgeordneter in der Volkskammer, fand jedoch noch die Zeit für ein externes Studium an der Berliner Hochschule für Ökonomie, in welchem er zum Diplomwirtschaftler ausgebildet wurde. Der 1966 dann an der Humboldt-Universität gar zum Dr. rec. oec. promovierte Modrow wurde 1973 erster Sekretär der SED-Bezirksleitung in Dresden.

Anders als alle Ministerpräsidenten der DDR vor ihm nahm Modrow, wohl nicht zuletzt auch wegen des fortschreitenden Machtverlustes der SED und ihrer Gremien, der sich u. a. darin manifestierte, dass am 1. Dezember die "führende Rolle" der Einheitspartei aus der DDR-Verfassung gestrichen wurde, erheblich Einfluss auf das politische Tagesgeschäft. Als er Anfang 1990 erkennen musste, dass sein Bemühen, die Staatlichkeit der DDR zu erhalten, scheitern würde, stellte Modrow im Februar ein eigenes Konzept "Für Deutschland einig Vaterland" vor. Das brachte dem inzwischen zum Ehrenvorsitzenden der zur PDS gewandelten SED gewählten Modrow und seiner Partei jedoch nichts mehr. Bei den ersten freien Volkskammerwahlen verlor die PDS am 18. März 1990 ihre dominierende Machtstellung. Statt dessen glückte der bürgerlich-konservativen "Allianz für Deutschland" aus CDU, Demokratischem Aufbruch (DA) und Deutsch-Sozialer Union (DSU), die sich für eine Wiedervereinigung mit der Bundesrepublik einsetzte, ein überragender Wahlerfolg. Modrow wurde 1990 für eine Legislaturperiode in den Bundestag gewählt. 1993 wurde er vom Landgericht Dresden in drei Fällen für schuldig befunden, Weisungen zur Wahlfälschung gegeben zu haben. Und 1996 wurde er gar wegen meineidlicher Falschaussage vor dem DDR-Untersuchungsausschuss zu einer zehnmonatigen Freiheitsstrafe, die jedoch auf Bewährung ausgesetzt wurde, verurteilt.


Lothar de Maizière [DDR: 1990] (geb. 2.3.1940)

Als Vorsitzender der DDR-CDU, der er seit 1956 angehörte, war de Maizière die logische Wahl, als es nach der März-Wahl um die Besetzung des Ministerpräsidenten-Posten ging. Unter der Regierung des Juristen und Kirchensynoden de Maizière wurden der so genannte Zwei-Plus-Vier-Vertrag, in dem der Beitritt der DDR zur Bundesrepublik von den vier Siegermächten anerkannt und dem so wiedervereinigten Deutschland die volle Souveränität zugestanden wurde, und der Eininigungsvertrag, in welchem die Bundesrepublik und die DDR die rechtlichen Rahmenbedingungen für die Durchführung des Beitritts nach Art. 23 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland festlegten, ausgehandelt. Im Oktober 1990 zog de Maizière nicht nur als Abgeordneter in den Bundestag ein, sondern wurde auch zum (damals einzigen) stellvertretenden Vorsitzende der CDU und Bundesminister für besondere Aufgaben. Als im Herbst 1991 ruchbar wurde, dass de Maizière als "IM Czerny" für die DDR-Staatssicherheit tätig gewesen war, zog er sich aus der Bundespolitik zurück und konzentrierte sich wieder auf seine Tätigkeit als Rechtsanwalt.


Konrad Adenauer [1949 - 1963] (5.1.1876 - 19.4.1967)

Mit Konrad Hermann Josef Adenauer wurde 1949 ein Mann zum ersten Kanzler der frisch gegründeten Bundesrepublik gewählt, der zur Zeiten der Weimarer Republik bereits einmal als Kandidat für das Amt des Reichskanzlers gehandelt wurde. Doch der 1876 als drittes von vier Kindern des Kanzleirats Konrad Adenauer und seiner Frau Helene geborene Adenauer, der nach dem Studium der Rechtswissenschaften und Volkswirtschaft und einer Tätigkeit als Gerichtsassessor und Hilfsrichter von 1917 - 1933 Oberbürgermeister in Köln war, war dem Rheinland, dem er entstammte, in dem er lebte und das er liebte, eng verbunden. Mit der Vorstellung einer Republik, die ihr Zentrum in Berlin hat und sich politisch durchaus auch stark gen Osten orientiert, konnte Adenauer, der von 1921 bis 1933 auch Präsident des Preußischen Staatsrats war, bereits damals nicht viel anfangen und verzichtete 1926 daher dankend auf die Kanzlerkandidatur. Er gehörte im Gegenteil zu den wenigen deutschen Politikern, die während der Ruhrkrise 1923 ernsthaft über eine Loslösung des Rheinlands von Deutschland und einen Anschluss an Frankreich nachdachten. Diese Eigensinnigkeit Adenauers spiegelte sich auch in einer seiner Leidenschaften wider - bevor er von seiner politischen Laufbahn leben konnte, versuchte sich der Kölner an diversen Erfindungen, die zumeist das Prädikat "skurill" verdienten.

Doch 1933 zeigte er diesen Starrsinn auch gegenüber den braunen Ursupatoren. Er widersetzte sich der vorzeitigen Auflösung des Preußischen Landtages, weigerte sich, den bereits im Kanzleramt residierenden Adolf Hitler zu empfangen und ließ Hakenkreuzfahnen von der Deutzer Brücke entfernen. Das musste natürlich dazu führen, dass mit der Festigung der Macht Hitlers Adenauers politische Karriere beendet war - zumindest vorerst. Nach einem Jahr innerdeutschem Exil im Kloster Maria Laach, wurde Adenauer 1934 erstmalig durch die Gestapo verhaftet. Doch zwei Tage später wurde der populäre Politiker wieder freigelassen und lebte fortan in Rhöndorf bei Bonn. Dabei zog er sich vollständig ins Privatleben zurück, Versuche von kommunistischer, gewerkschaftlicher oder christlicher Seite, ihn zur Beteiligung am Widerstand gegen Hitler zu bewegen, scheiterten. Nach dem Hitler-Attentat 1944 wurde Adenauer dann erneut von der Gestapo in Haft genommen und in einem Konzentrationslager auf dem Kölner Messegelände inhaftiert. Zwar glückte ihm die Flucht, er wurde jedoch gestellt und diesmal im Gestapo-Gefängnis Brauweiler eingesperrt. Sein Abtransport in das KZ Buchenwald wurde von einem kommunistischen Mitgefangenen verhindert.

Unmittelbar nach der Kapitulation gehörte Adenauer, der bereits im März 1945 von der amerikanischen Militärregierung wieder als Kölner Oberbürgermeister eingesetzt worden war, zu den Mitbegründern der Christdemokratischen Partei Deutschlands (CDU), die natürlich in Köln aus der Taufe gehoben wurde. Anders als das primär katholische "Zentrum" der Weimarer Republik sollte die CDU Christen aller Konfessionen ansprechen. Adenauer, der im Oktober 1945 eine schmerzliche Demütigung erlitt, als ihn die inzwischen zuständigen britisichen Militärbehörden seines Oberbürgermeisterpostens wegen Unfähigkeit enthoben, übernahm 1946 den Parteivorsitz in der britischen Besatzungszone. 1948 und 1949 saß Adenauer daraufhin dem Parlamentarischen Rat vor, jenem aus Ländervertretern zusammengesetzten Gremium, welches das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland als vorläufige Verfassung für einen deutschen Staat auf dem Gebiet der drei westlichen Besatzungszonen schuf. Diese prominente Stellung als Vorsitzender eines Gremiums, dessen Wirken einem zerstörten und ausgebluteten Land eine politische Zukunft geben sollte, war für Konrad Adenauer wohl auch nicht unbedingt schädlich, als es um die Frage ging, wer erster Kanzler der jungen Republik werden sollte. Mit der hauchdünnen Mehrheit von einer Stimme gewann Adenauer am 15. September die Wahl im Bundestag - und bis heute hält sich hartnäckig das Gerücht, es sei die Stimme des Rheinländers, der sich bei der Abstimmung nicht bescheiden enthalten habe, selbst gewesen, die den Ausschlag gegeben hat. Sollte das der Fall gewesen sein, so zeichnete sich schon darin der politische Stil ab, mit dem Adenauer in den folgenden Jahren die Republik führen sollte: entschieden, ohne falsche Bescheidenheiten, ergebnisorientiert, dabei aber clever und engagiert.

Als ihm 1950 auch noch der Bundesvorsitz der CDU zufiel, bekam der Bundeskanzler Adenauer alle Instrumente in die Hand, die er benötigte, um die politische Republik nach seinem Willen zu gestalten. Und er machte von ihnen regen Gebrauch. Bereits 1954 wurde der Bundesrepublik, die Bedrohung durch die Sowjetunion und ihre Satellitenstaaten dürfte auf Seiten der Alliierten durchaus zur Entscheidungsfindung beigetragen haben, das Recht auf Wiederbewaffnung, auf die Gründung einer eigenen Armee, der Bundeswehr, zugestanden. Das so gestärkte Deutschland wurde in das das westliche Verteidigungsbündnis, die NATO, aufgenommen und erhielt, mit Ausnahme der bis 1990 vorbehaltenen Notstandsrechte der Alliierten, die volle Souveränität zurück. Die größte außenpolitische Leistung Adenauers dürfte aber die Verständigung mit dem "Erbfeind" Frankreich gewesen sein. Mit Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) 1952 wurde das damalige industrielle Herz Deutschlands, die Kohle- und Stahlregion des Rhein- und Ruhrgebietes einer internationalen Organisation (der "Hohen Behörde") - und damit auch internationaler Kontrolle unterstellt. Diese Kooperation wurde in den Folgejahren weiter intensiviert und 1955 beschlossen die EGKS-Staaten eine weitere, vor allem wirtschaftliche Zusammenarbeit durch die Gründung eines Gemeinsamen Marktes - Keimzelle der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und der Europäischen Atom-Gemeinschaft (EURATOM), die mit den Römer Verträgen 1957 beschlossen und am 1.1.1958 durch deren Inkrafttreten gegründet wurden. Das durch diese enge Kooperation entspannte Verhältnis ermöglichte es dann auch, dass das zunächst von Deutschland abgetrennte Saarland nach einer Volksabstimmung zum 1.1.1957 der Bundesrepublik beitreten konnte.

Doch während Adenauer außerhalb der Grenzen Deutschlands von einem Erfolg zum nächsten eilte, rumorte es in der Heimat. Unstimmigkeiten mit seinem Wirtschaftsminister Erhard sorgten ab 1956 für zunehmende Irritationen auch innerhalb der Regierung, Adenauers Deutschlandpolitik führte zum Verwürfnis mit seinen früheren Ministern Thomas Dehler und Gustav Heinemann. Der Versuch, 1959 in das Amt des Bundespräsidenten einzuziehen, scheiterte - nach nur zwei Monaten zog Adenauer seine Kandidatur zurück. Dem war ein unwürdiges Taktierspiel vorausgegangen, bei dem Adenauer zunächst Erhard als Bundespräsidenten vorgeschlagen hatte, ohne diesen davon vorher in Kenntnis zu setzen. Das Ende brachte dann aber das Jahr 1961. Nachdem das von Adenauer geplante Deutschland-Fernsehen vom Bundesverfassungsgericht kassiert worden war und Adenauer sich heftiger Kritik ausgesetzt sah, weil er den Mauerbau in Berlin ignorierend eine Wahlkampfreise fortgesetzt hatte, verlor die CDU/CSU bei den Bundestagswahlen am 17. September die absolute Mehrheit. Die F.D.P. erklärte sich nur unter der Bedingung, dass der Kanzler noch vor dem Ende der Legislaturperiode zurücktreten wird, dazu bereit, eine weitere Regierung Adenauers zu stützen. Die Demütigung des Kölners fand, nach seiner unrühmlichen Beteiligung an der "Spiegel-Affäre" im September 1962, ihren Höhepunkt am 15. Oktober 1963, als nach Adenauers Rücktritt ausgerechnet sein Intimfeind Ludwig Erhard zu seinem Nachfolger wurde und die Ära Adenauer beendete. Er blieb noch drei weitere Jahre CDU-Vorsitzender. 1967, ein Jahr nach seinem Ausscheiden auch aus diesem Amt und aus dem Bundestag, starb Konard Adenauer in Rhöndorf.

Mit seinem nahezu rückhaltlosen Engagement für eine umfassende Westintegration der Bundesrepublik Deutschland, hat Adenauer eine ganz entscheidende Vorbedingung für den wirtschaftlichen Wiederaufbau und die politische Renaissance Westdeutschlands geschaffen, die Erbfeindschaft zu Frankreich beendet und das Fundament für das, was später einmal das "europäische Haus" genannt werden sollte, gelegt. Andererseits hat er damit aber auch die Teilung Deutschlands für unbestimmte Zeit in Kauf genommen - nicht umsonst gehörte die "Wiedervereinigung" nicht zu seinen drei "großen W"s, wie er seine wichtigsten politischen Ziele "Westintegration", "Wiederbewaffnung" und "Wiederaufbau" nannte. Seine konsequent antisowjetische Haltung, einschließlich der Ablehnung diverser Wiedervereinigungsofferten seitens der UdSSR (die man weitgehend jedoch ohnehin für taktische Manöver hält), der so genannten Stalin-Noten, und der Verkündung der die außenpolitische Isolierung der DDR anstrebenden Hallstein-Doktrin brachte den Westdeutschen Freiheit und Wohlstand, überließ die Ostdeutschen jedoch (wenngleich zähneknirschend) dem SED-Regime.


Ludwig Erhard [1963 - 1966] (4.2.1897 - 5.5.1977)

Der gelernten Kaufmann Erhard wurde als Soldat im Ersten Weltkrieg schwer verwundet. Wieder genesen gelang ihm 1925 der Abschluss seines Volks- und Betriebswirtschaftsstudium, dessen Erkenntnisse er nicht nur im Rahmen einer wissenschaftlichen Tätigkeit einschließlich einer Promotion vertiefen, sondern als Geschäftsführer im elterlichen Textilwarenhandel auch praktisch erproben konnte. Von 1928 bis 1942 arbeitete Erhard im "Institut für Wirtschaftsbeobachtung der deutschen Fertigware", aus dem er 1942 im Streit ausschied. Finanziell unterstützt von der Reichsgruppe Industrie gründete Erhard ein eigenes Konsumforschungsinstitut, das "Institut für Industrieforschung". In der 1943/44 veröffentlichten Denkschrift zum Thema "Kriegsfinanzierung und Schuldenkonsolidierung" ging er bereits von einem für Deutschland verlorenen Krieg aus. Dieses Werk sollte später - auch in amerikanischen Kreisen - die Aufmerksamkeit auf Ludwig Erhard lenken. Aber erst nach Ende des Zweiten Weltkrieges gelang es ihm, sich eine auch außerhalb der Fachkreise wahrgenommene Reputation als fachkundiger Ökonom zu erarbeiten. Als Professor in München, Minister für Gewerbe und Handel im Kabinett des bayerischen SPD-Ministerpräsidenten Hoegner in den Jahren 1945/46, als Wirtschaftsberater der Militärregierung in der US-amerikanischen Besatzungszone und anschließend als Direktor für Wirtschaft in der in Frankfurt am Main residierenden Verwaltung der Trizone war Erhard, der 1949 auch als (zunächst parteiloser) Abgeordneter in den Bundestag einziehen konnte, für den Posten des Bundeswirtschaftsministers geradezu prädestiniert. Und tatsächlich sollte dieses Amt seine Berufung sein - und sein Fluch werden. Ausgestattet mit dem Popularitätsbonus des Mannes, der in der Trizone federführend an der überaus erfolgreichen Reform der deutschen Währung, der Einführung der D-Mark, und der damit verbundenen Aufhebung der Rationierung der meisten Wirtschaftsgüter beteiligt war, wirkte Erhard als König Midas des wirtschaftlichen Wiederaufbaus. Alles, was er anpackte, schien ihm zu gelingen. Zusammen mit seinem Staatssekretär Müller-Armack machte er die Soziale Marktwirtschaft zu einer Erfolgsgeschichte, die nicht nur in rasantem Tempo zur wirtschaftlichen Gesundung des Landes führte, sondern auch Abermillionen Menschen, einschließlich unzähliger Flüchtlinge und Vertriebener, in Brot und Arbeit setzte.

So war es kein Wunder, dass Erhard als beliebtester Minister des Kabinetts Adenauer seit 1957 auch noch als Vizekanzler die offizielle Nummer 2 hinter dem alten Fuchs Adenauer war. Aber als er dann am 16. Oktober in der Nachfolge Adenauers die gesamtpolitische Verantwortung als Bundeskanzler übernahm, verblaßte der Glanz des inzwischen mit Adenauer zerstrittenen Vaters des Wirtschaftswunders schnell. Zwar gelang ihm 1965 die Wiederwahl und 1966 wurde er auch Bundesvorsitzender der CDU. Doch ausgerechnet die erste echte Rezession in der Nachkriegsgeschichte der Bundesrepublik brachte den populären Ökonomen zu Fall, wenngleich es vordergründig ein Zerwürfnis mit dem Koalitionspartner F.D.P. war, das die Regierung Erhard beendete. Walter Scheel, der liberale Minister für Wirtschaftliche Zusammenarbeit, trat am 27. Oktober zurück, nachdem am Tag zuvor ohne ihn eine Kabinettserklärung zum Haushaltsausgleich für 1967 beschlossen worden war. Nach massivem Druck seitens der Bundestagsfraktion taten es die anderen F.D.P.-Minister Scheel gleich - die Regierung war am Ende. Am 1. Dezember 1966 trat Ludwig Erhard von seinem Amt als Bundeskanzler zurück. Als Kiesinger am 24. Mai 1967 ihm nicht nur ins Bundeskanzleramt, sondern auch in den Parteivorsitz nachfolgte, wurde Erhard zum Ehrenvorsitzenden der CDU gekürt.


Kurt Georg Kiesinger [1966 - 1969] (6.4.1904 - 9.3.1988)

Die Amtszeit von Kurt Georg Kiesinger stellte eine Zäsur in der deutschen Nachkriegsgeschichte dar - und der Bundeskanzler selbst symbolisierte viel von dem, was zu diesem Einschnitt führte, der wie kaum ein anderer mit einer Jahreszahl assoziiert wird: 1968. Nicht nur, dass Kiesinger als erster (und bislang auch einziger) Kanzler der Bundesrepublik Deutschland einem Kabinett vorsaß, welches von einer großen Koalition aus CDU/CSU und SPD getragen wurde, für zahlreiche weitreichende Gesetzesvorhaben, einschließlich der brisanten Notstandsgesetze verantwortlich zeichnete und so, die F.D.P. als einzige Oppositionspartei fiel kaum ins Gewicht, zum Sinnbild einer beinahe unbegrenzten, unkontrollierten und unkontrollierbaren Machtfülle wurde. Nein, mit Kiesinger führte erstmals auch ein Mann die Bundesrepublik, der im "Dritten Reich" dem "Führer" gedient hatte. Der vormalige Rechtsanwalt Kiesinger war von 1933 bis 1945 Mitglied der NSDAP und ab 1939/40 für das Auswärtige Amt tätig. Allerdings belegen Dokumente, dass der später zum stellvertretenden Abteilungsleiter der Rundfunkabteilung des Reichsaußenministeriums aufgestiegene Kiesinger seine Stellung benutzt hat, um antisemitische Aktionen in der und durch die rundfunkpolitische Abteilung zu behindern und zu verhindern. Nach dem Krieg wurde er bis 1947 von den Alliierten interniert. Doch nach der vollständigen Entlastung durch ein Spruchkammergericht nahm Kiesinger erst seine Tätigkeit als Rechtsanwalt wieder auf und setzte dann auch seine politische Karriere im Nachkriegsdeutschland fort. 1948 wurde er Landesgeschäftsführer der CDU Südwürttemberg-Hohenzollern und 1949 in den Bundestag gewählt. Dort blieb er zehn Jahre, schied dann aber aus, um bis 1966 als Ministerpräsident in seinem Heimatland Baden-Württemberg zu wirken.

Als dann 1966 ein Regierungschef für die gerade gebildete große Koalition gesucht wurde, fiel die Wahl auf Kiesinger. Mit dem Machtwechsel 1969 endete die Ära des Bundeskanzlers Kiesinger schon nach drei Jahren, obwohl der Jurist als Abgeordneter in den Bundestag gewählt wurde, in dem er bis 1980 blieb. Während seiner Amtszeit als Bundeskanzler, 1967, übernahm Kiesinger auch den Bundesvorsitz der CDU. Diesen hatte er bis 1971 inne, danach durfte er sich mit dem Titel des Ehrenvorsitzenden schmücken.


Willy Brandt [1969 - 1974] (18.12.1913 - 8.10.1992)

Der als Ernst Karl Frahm geborene Lübecker, der 1931 von der SPD, in die er erst ein Jahr zuvor eingetreten war, zu deren Linksabspaltung der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) übergetreten war, musste 1933 vor den Nationalsozialisten über Dänemark nach Norwegen fliehen. Dort war Brandt, wie später auch in Schweden, als Journalist tätig. 1938 wurde er von den Nationalsozialisten ausgebürgert und damit vorerst staatenlos. Als er 1940 kurzzeitig in deutsche Kriegsgefangenschaft geriet, wurde er nicht erkannt und konnte sich nach Stockholm absetzen. Die norwegische Exilregierung verlieh ihm dort die norwegische Staatsbürgerschaft. Noch während des Krieges trat Brandt wieder der SPD bei und nach der Kapitulation des Deutschen Reiches kehrte Willy Brandt nach Deutschland zurück, wo er dann am 1. Juli 1948 auch wiedereingebürgert wurde.

1949 wurde Brandt wie seine drei Vorgänger aus den Reihen der CDU in den Bundestag gewählt (allerdings, da Abgeordneter aus Berlin, mit besonderem Status). Aus diesem schied er dann 1957 aber wieder aus, da es ihn nun in die Berliner Landespolitik zog. Als bis 1966 Regierender Bürgermeister des Westteils der ehemaligen Reichshauptstadt gelangte er zu Bekanntheit und Ansehen weit über die Stadt- und Parteigrenzen hinweg, wozu neben der exponierten Situation Berlins wohl auch die damit zusammenhängende Besuche bedeutender Staatsmänner des Auslands, allen vorweg natürlich John F. Kennedy, beigetragen haben dürften. Nachdem er 1964 Parteivorsitzender der SPD geworden war, gehörte er für seine Partei in der Zeit der großen Koalition unter Kiesinger dem Kabinett als Außenminister an. Er handelte das deutsch-französische Truppenabkommen aus, unterstützte den Beitritt der Bundesrepublik Deutschland zum Atomwaffensperrvertrag und Großbritanniens zur EWG und setzte vor allem auf eine Normalisierung in der Politik gegenüber den Ländern des Ostblocks.

Nach einer von dem Geist der '68er-Bewegung und den durch die Rezession hervorgerufenen sozialen Ängsten maßgeblich beeinflussten Bundestagswahl, aus der die SPD als große Siegerin hervorgegangen war, wurde Willy Brandt, der 1961 gegen Adenauer und 1965 gegen Erhard unterlegen war, am 21. Oktober 1969 zum Bundeskanzler einer sozialliberalen Koalition aus SPD und F.D.P. gewählt. Doch auch in dieser Position gehörte seine Leidenschaft vor allem der Außenpolitik - und hier insbesondere dem Verhältnis zu den östlichen Nachbarn, namentlich natürlich der DDR, die er schon in seiner Regierungserklärung als "deutschen Staat", der jedoch für die Bundesrepublik "nicht Ausland" sei, bezeichnet hatte. Am 7.12.1970 besuchte Brandt Warschau zur Unterzeichnung des deutsch-polnischen Vertrages, mit dem die Beziehungen auch zu diesem Staat des Ostblockes normalisiert werden sollten. Berühmt wurde jedoch vor allem Brandts Kniefall vor dem Ehrenmals des dortigen jüdischen Ghettos, mit dem er seine Trauer für die von Deutschland im Zweiten Weltkrieg verübten Gräueltaten ausdrückte und stumme Abbitte leistete. 1971 erhielt Brandt, der im Jahr zuvor vom US-Nachrichtenmagazin "Time" bereits zum "Mann des Jahres" gekürt worden war, für sein Engagement zu Gunsten eines friedlichen Zusammenlebens der markt- und der planwirtschaftlich organisierten Staaten den Friedensnobelpreis.

Doch innenpolitisch braute sich Unheil zusammen. Zwar scheiterte am 27. April 1972 der Versuch der CDU/CSU-Opposition, mit Hilfe von F.D.P.-Abgeordneten, die mit den von Brandt ausgehandelten Ostverträgen nicht einverstanden waren, den Bundeskanzler über ein konstruktives Misstrauensvotum zu stürzen. Doch wie inzwischen bekannt wurde, verdankte Brandt diese unerwartete Rettung ausgerechnet der DDR-Stasi, die sich einen Abgeordneten der Opposition "gekauft" hatte. Überraschend deutlich fiel dann die Zustimmung der Bevölkerung zu Brandts Politik aus. Bei den Bundestagswahlen am 19. November desselben Jahres errang die SPD erstmals die Mehrheit der Sitze. 1973 eilte Brandt dann wieder von einem außenpolitischen Erfolg zum nächsten (als erster Bundeskanzler besuchte er Israel und hielt eine Rede vor der UN-Generalversammlung, mit dem Prager Vertrag gelang ihm auch eine Normalisierung der Beziehungen zu der Tschechoslowakei), doch das Ende der Ära Brandt war da bereits nahe.

Am 7. Mai 1974 erklärte Brandt überraschend seinen Rücktritt als Bundeskanzler. Brandt, der Visionär und Feingeist, war den Anforderungen der Tagespolitik letzten Endes nicht gewachsen. Im selben Maße, wie er außenpolitisches Renomée gewann, wurde er von der Innenpolitik aufgerieben und sah sich auch innerparteilich zusehends kritisiert und isoliert. Das ganze eskalierte, als die kampfbereite ÖTV mitten in einer tiefgreifenden Rezension dem Arbeitgeber Bundesrepublik eine zweistellige Lohnerhöhung abtrotzen konnte. Brandt war eingeknickt und so ein leichtes Ziel seine parteiinternen Gegenspieler Schmidt und Wehner, die auf eine solche Gelegenheit nur gewartet hatten und nichts taten, um den strauchelnden Kanzler zu stützen. Die Guillaume-Affäre, in der der enge Vertraute Brandts als Gewährsmann der ostdeutschen Staatssicherheit enttarnt wurde, war dann nur noch der Anlass, nicht aber der eigentliche Grund für die Demission des ersten SPD-Kanzlers der Bundesrepublik Deutschland.

Dass der Sturz des Kanzlers, dessen Herz so weit links schlug, wie wohl bei keinem anderen bundesdeutschen Kanzler zuvor und danach, ausgerechnet von einer Gewerkschaft (mit)verursacht wurde, ist nicht der einzige Widerspruch, der sich mit dem heute nicht nur von Sozialdemokraten fast schon ikonenhaft verehrten Brandt verbindet. Gerade Brandt, der einst "mehr Demokratie wagen" wollte, musste 1987 als Parteivorsitzender der SPD, der er damals seit 23 Jahren ohne Unterbrechnung gewesen war, wegen einer eigenmächtigen Entscheidung zurücktreten - er hatte, ohne die Partei zu befragen, die parteilose Griechin Margarita Mathiopoulos zur Pressesprecherin der SPD gemacht. Nach seinem Rücktritt wurde er jedoch postwendend zum Ehrenvorsitzenden der Partei ernannt.

Brandt blieb bis zu seinem Tod im Jahre 1992 eine moralische Instanz innerhalb der SPD und der Sozialistischen Internationalen, der er von 1976 an ununterbrochen als Präsident vorsaß. Die Verwirklichung der deutschen Einheit verfolgte der Politiker, der stets für ein entspanntes deutsch-deutsches Verhältnis eingetreten war, mit Begeisterung. Es bleibt der Satz, den er am 10. November, dem Tag nach dem Fall der Berliner Mauer, vor dem Schöneberger Rathaus gesprochen hat: "Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört."


Helmut Schmidt [1974 - 1982] (geb. 23.12.1918)

Helmut Schmidt erlebte den Zweiten Weltkrieg von 1940 - 1945 zunächst als "Flakhelfer" bei der Bremer Luftabwehr, dann an der Ostfront und 1944/45 schließlich als Oberleutnant und Batteriechef an der Westfront. Im April 1945 geriet er in britische Kriegsgefangenschaft, konnte jedoch bereits am 31. August heimkehren. Dort nahm der Hanseat ein Studium der Staatswissenschaften und anschließend der Volkswirtschaft auf und trat 1946 der SPD bei. 1947/48 war ausgerechnet der später bei der studentischen SPD-Linken unbeliebte Schmidt Vorsitzender des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), bevor es den seit 1949 diplomierten Volkswirt dann erstmals in die Hamburger Landespolitik trieb. In der Hansestadt leitete Schmidt 1952/53 das Amt für Wirtschaft und Verkehr, ging danach aber bis 1962 als Bundestagsabgeordneter nach Bonn. Doch als sich ihm die Gelegenheit bot, den Posten des Hamburger Innensenators zu bekleiden, kehrte Schmidt wieder in die Hafenstadt zurück. In seine von 1961 bis 1965 währende Amtszeit fiel dann ausgerechnet eine der größten Naturkatastrophen, unter denen Deutschland in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts leiden musste. Doch der für die Wahrung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung verantwortliche Schmidt bewahrte während der großen Flutkatastrophe vom 17. Februar 1962 einen kühlen Kopf und konnte sich als Krisenmanager profilieren.

1965 entschied sich Schmidt dann endgültig zum Wechsel in die Bundespolitik und zog erneut als Abgeordneter in den Deutschen Bundestag ein, dem er dann ununterbrochen bis 1987 angehörte. Doch dabei blieb es nicht. Von 1967 bis 1969 führte Schmidt die der Großen Koalition angehörende SPD-Fraktion an, um dann als Verteidigungsminister ins erste Kabinett Brandt aufzurücken. Nach dem Ausscheiden Karl Schillers übernahm Schmidt 1972 kurzzeitig das Amt des legendären SPD-"Superministers" für Wirtschaft und Finanzen, der einst auch Lehrmeister Schmidts gewesen war. Die Kompetenz für den Bereich Wirtschaft gab Schmidt dann zwar ab, Finanzminister (und damit als "Herr der Kassen" äußerst einflussreich) blieb er jedoch bis ins Jahr 1974, in dem er am 16. Mai als Nachfolger Brandts Bundeskanzler wurde. Obwohl er von Anfang an mit den unter Brandt ungelösten wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen hatte, glückte dem 1975 von der "Financial Times" zum "Mann des Jahres" gewählten Schmidt 1976 die Wiederwahl. Die neue Amtszeit wurde dann vor allem von der Terrorwelle bestimmt, mit der die Rote Armee Fraktion (RAF) die Republik überzog. Mit der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer und der Entführung der Lufthansa-Maschine "Landshut" durch mit der RAF sympathisierende arabische Terroristen erreichte die Terrorwelle im Herbst 1977 ihren Höhepunkt. Schmidt ließ am 18. Oktober die durch diesen Einsatz legendär gewordene Bundesgrenzschutz-Einheit GSG9 die Maschine stürmen und hatte Glück. Alle Geiseln konnten gerettet werden, für den Fall, dass die Aktion gescheitert wäre, hatte Schmidt bereits seinen Rücktritt vorbereitet. Für den Tod des einen Tag später im Kofferraum eines Wagens gefundenen Schleyer übernahmt Schmidt die (politische) Verantwortung.

Das Ende der Ära des nach wie vor als Krisenmanager geschätzten Bundeskanzlers Schmidt begann dann 1979, als er in einem Gipfeltreffen mit Carter, Giscard d'Estaing und Callaghan die Grundlage für den NATO-Doppelbeschluss schuf. Diese neue NATO-Strategie wurde von zahlreichen Parteigenossen kritisiert. Zwar gelang dann 1980 noch einmal die Wiederwahl, doch der Druck auf Schmidt nahm zu. Unter dem Eindruck der von der Friedensbewegung mobilisierten Massen knickte die SPD ein. Aber die eigentliche Sollbruchstelle befand sich in der Wirtschaftspolitik. Unter dem Einfluss von Hans-Dietrich Genscher vertrat der SPD-Koalitionspartner F.D.P. verstärkt neoliberale Positionen, die mit denen der SPD konfligierten. Schmidt, dem im Oktober 1981 auch noch ein Herzschrittmacher eingesetzt worden war, sah schließlich keinen Ausweg mehr, als am 5. Februar 1982 die Vertrauensfrage zu stellen - die er mit einem einstimmigen Votum der sozialliberalen Koalition überstand. Doch acht Monate später war das Bündnis dann endgültig nicht mehr zu retten. Am 1. Oktober 1982 wurde Helmut Schmidt vom Deutschen Bundestag durch ein konstruktives Misstrauensvotum zugunsten des Oppositionsführers Helmut Kohl abgewählt.


Helmut Kohl [1982 - 1998] (geb. 3.4.1930)

Seine Schulzeit beendete Kohl 1950 mit dem Abitur. Nach seiner Studienzeit in Frankfurt am Main und Heidelberg und einer anschließenden Beschäftigung als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Heidelberger Universität, wurde Kohl zunächst kaufmännischer Angestellter in einem Wirtschaftsverband. Doch zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits eine gewisse politische Karriere vorzuweisen und es u. a. 1955 zum Mitglied des Landesvorstandes der rheinland-pfälzischen CDU gebracht, der Kohl schon seit 1947 angehörte. 1959 wurde er Vorsitzender des Ludwigshafener Kreisverbandes der CDU und zog als Abgeordneter in den Landtag ein. 1960 wurde er Vorsitzender der CDU-Stadtratsfraktion in Ludwigshafen und 1963 übernahm er auch den Vorsitz der CDU-Fraktion im rheinland-pfälzischen Landtag. Aber nach ganz oben ging es erst im Zuge der von der viel geschmähten 68er-Bewegung erzeugten Sogwirkung, die die politischen Eliten der Republik durchwirbelte. 1966 wurde Kohl zum Landesvorsitzenden der CDU in Rheinland-Pfalz berufen und konnte im selben Jahr einen Platz im Bundesvorstand der christdemokratischen Partei einnehmen. 1969 wurde er gar stellvertrender Bundesvorsitzender der CDU und zugleich Ministerpräsident des Landes Rheinland-Pfalz. Hatte Kohl bislang sein landes- und bundespolitisches Engagement zu kombinieren verstanden, so konzentrierte er sich nun zusehends auf seine Karriere in der Bundespartei. 1973 übernahm er deren Vorsitz und 1976 zog der Pfälzer schließlich als Abgeordneter in den Bundestag ein. Obwohl er als Spitzenkandidat der CDU/CSU gegen Helmut Schmidt im Rennen um die Kanzlerschaft unterlegen war, verließ er Mainz und das Amt des rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten, um in Bonn einen zweiten Anlauf zum Sprung an die Spitze zu nehmen. Dort saß er bis 1982 der CDU/CSU-Fraktion vor, bis es dann zu dem zweiten konstruktiven Misstrauensvotum in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland kam. Doch anders als bei der gescheiterten Abwahl Brandts und versuchten Inthronisierung Rainer Barzels 1972 war diesem Erfolg beschieden. Die Mehrheit der Bundestagsmitglieder sprach sich dafür aus, Helmut Schmidt als Regierungschef durch Helmut Kohl zu ersetzen - der Pfälzer war ganz oben angekommen und blieb dort nun so lange, wie noch kein bundesrepublikanischer Kanzler vor ihm. Und schon bald demonstrierte Kohl seinen politischen Instinkt, dem er auch dann bedingungslos vertraute, wenn er ihn in rechtliche Grauzonen führte. Denn um sich die den politischen Wechsel begrüßende Stimmung im Lande, die nicht zuletzt auch durch eine wirtschaftliche Rezession begünstigt wurde, zunutze zu machen, verfiel man in der CDU/CSU auf eine ungewöhnliche Lösung. Nur kurze Zeit, nachdem die Abgeordneten von CDU/CSU und F.D.P. mit ihrem konstruktiven Misstrauensvotum zum Ausdruck gebracht hatten, dass sie Helmut Kohl als Bundeskanzler unterstützten, stellte Kohl dem Bundestag die Vertrauensfrage - und verlor, da sich, wie geplant, dieselben Abgeordneten der Stimme enthielten und es den Abgeordneten der SPD kaum möglich war, sich zugunsten des Pfälzers auszusprechen. So wurde es Kohl möglich, die Auflösung des Bundestages und die Anordnung baldiger Neuwahlen durch den Bundespräsidenten zu erreichen - und nur so war es überhaupt möglich. Zwar hat das Bundesverfassungsgericht diese Instrumentalisierung eines für ganz andere (Ausnahme)Situationen vorgesehenen verfassungspolitischen Rettungsankers nachträglich für (gerade noch) zulässig erklärt, der verfassungsrechtliche Streit ist aber bis heute noch nicht ausgestanden und die Entscheidung zu Recht umstritten. Doch Kohls Vorgehen, ein für wichtig gehaltenes Ziel (in diesem Fall die Schaffung einer gefestigten parlamentarischen Mehrheit und die Bestätigung seiner Regierung durch eine Bundestagswahl) die zu dessen Erreichung eingesetzten Mittel rechtfertigen zu lassen, sollte symptomatisch für die Ära Kohl werden. Die Liste der Polit-Affären, die das Land und die Regierung Kohl in den Folgejahren kräftig durchschütteln sollten, ist lang - Flick, U-Boote und der "Blackout" sind nur die prominentesten. Mit der Parteispenden-, der Elf-Aquitaine- und der Spähpanzer-Fuchs-Affäre werden zurzeit weitere Erblasten aufgearbeitet, die das von der Regierung Kohl praktizierte, oben beschriebene System hinterlassen hat.

Kohl, der mit dem Versprechen einer geistigen Wende angetreten war, konnte diesem selbstgesetzten Anspruch aber auch in politisch-gestaltender Hinsicht nur anfangs gerecht werden. Das Verhältnis zu den westlichen Verbündeten, welches in den letzten Jahren der SPD/F.D.P.-Regierung gelitten hatte, brachte Kohl wieder weitgehend ins Lot. Nach der Wiederwahl 1987 hielten die Diskussionen über die Führungsqualitäten des Pfälzers an und 1989 überstand Kohl nur mit Mühe und Not einen "Putschversuch" aus den Reihen der eigenen Partei. Doch als die politische Welt den Pfälzer schon abgeschrieben hatte, erhaschte er den Rockmantel der an ihm vorbeiwehenden Geschichte. Die Dynamik der friedlichen Revolution, die sich auf den Straßen und in den Kirchen Ostdeutschlands abspielte, hatte der Pfälzer zunächst nicht erkannt. Doch nach dem Fall der Berliner Mauer setzte sich Kohl geschickt an die Spitze der Bewegung und nahm dafür sogar außenpolitische Irritation in Kauf. Insbesondere in Frankreich und Großbritannien war man von dem Gedanken eines konföderierten oder sogar wiedervereinigten Deutschlands nicht begeistert, von Kohls Zehn-Punkte-Plan zur Einheit wurden Mitterand und Thatcher, anders als George Bush, erst unmittelbar vor dessen öffentlicher Bekanntgabe informiert. Doch Kohls Vorgehen hatte Methode. Er verfolgte das Projekt "deutsche Einheit" mit unbeirrbarer Entschlossenheit und großem diplomatischen Geschick. Die Angst der europäischen Nachbarn vor einem unkontrollierbaren Deutschland beschwichtigte er, indem er seine Zustimmung zur Weiterentwicklung der Europäischen Gemeinschaft nach französischen Vorstellungen gab. Dies bedeutete (und bedeutet) eine zunehemende Kompetenzverlagerung von den nationalen Parlamenten und Regierungen hin zu den europäischen Entscheidungsgremien. Und dies bedeutete die Aufgabe der D-Mark zu Gunsten einer europäischen Einheitswährung. Aber auch die Widerstände im Osten konnte Kohl beseitigen. Mit der Hilfe großzügiger Milliardenkredite brachte er seinen Saunafreund Gorbatschow dazu, nicht nur der deutschen Einheit zuzustimmen, sondern auch die Zugehörigkeit des gesamtdeutschen Staates zur NATO hinzunehmen. Als es dann zur Schaffung einer Wirtschafts- und Währungsunion zwischen der Bundesrepublik und der DDR kam, war klar, dass auch die politische Einheit auf dem Fuße folgen würde. Am 3. Oktober, einem weitgehend willkürlich festgelegten Datum, war es dann soweit. Die DDR trat der Bundesrepublik Deutschland bei und hörte auf zu existieren. Der gerade im Rückblick besonders beeindruckend schnell zurückgelegte Weg, der vom Fall der Mauer bis zum Wegfall der innerdeutschen Grenze führte, konnte aber nicht ohne Fehler und Schwierigkeiten beschritten werden. Und tatsächlich sind der Regierung Kohl bei der Herbeiführung der staatlichen Einheit Deutschlands zahlreiche grobe Schnitzer unterlaufen, die auch heute noch das innerdeutsche Verhältnis nicht unerheblich trüben und mit Stichworten wie "Rückgabe vor Entschädigung", "einheitliches Lohnniveau" und "Stasi-Überprüfung" an dieser Stelle nur kurz angedeutet werden können. Die fatalste Folge der Jahre 1989/90 dürfte aber der Vertrauensverlust sein, den die politische Klasse durch unverantwortliche Versprechungen erlitten hat, welche gerade auch die Mitglieder des Kabinetts Kohl der damals im nationalen Überschwang taumelnden Bevölkerung in Ost und West machten, und die sich schon bald bestenfalls als übertrieben und schlimmstenfalls als dreiste Lügen erwiesen. Das Kohlsche Märchen von den "blühenden Landschaften", von der Zukunft, in der es keinem schlechter, vielen jedoch besser gehen werde, hat die parlamentarische Demokratie vor allem bei den Bürgern der fünf neuen Bundesländer in eine tiefe Vertrauenskrise gestürzt, von der es fraglich ist, ob und wann sie überwunden werden kann.

Doch kurz- und mittelfristig zahlte sich die Taktik Helmut Kohls aus. Innenpolitisch als Vater der Einheit gefeiert, außenpolitisch als europäischer Staatsmann gefeiert erlebte der Pfälzer seinen zweiten politischen Frühling. Aber nachdem er sein Vorbild Adenauer in punkto Amtszeit überrundet hatte, wurden die Deutschen des "Ewigen Kanzlers" überdrüssig. Die Bundestagswahl 1998 verlor die CDU/CSU. Unmittelbar nach der Wahlniederlage legte Kohl auch sein Amt als Parteivorsitzender nieder, wurde jedoch zum Ehrenvorsitzenden der CDU gekürt.


Gerhard Schröder [1998 - heute] (geb 7.4.1944)

Mit Gerhard Fritz Kurt Schröder zog dann erstmals ein Mann ins Bundeskanzleramt ein, der die Zeit des Zweiten Weltkrieges nicht bewusst miterlebt hat - als das Deutsche Reich 1945 kapitulierte, war Schröder gerade mal ein Jahr alt. Und so prägte ihn nicht in erster Linie die Erfahrung der Zerstörung, sondern die Mühsal des Wiederaufbaus, zumal sein Vater im Krieg gefallen war und somit seine Mutter alleine für die Familie sorgen musste. Doch der Volksschüler Schröder kompensierte die ungünstigen Startchancen durch einen ausgeprägten Ehrgeiz und den Eifer des Emporkömmlings. Nach einer Lehre als Einzelhandelskaufmann, der in der Abendschule nachgeholten Mittleren Reife und des im zweiten Bildungsweg bestandenen Abiturs studierte Schröder von 1966 bis 1971 in Göttingen Jura. 1976 wurde er, nach Absolvierung des Referendariats, als Anwalt zugelassen. Anders als Kohl versuchte Schröder, der seit 1963 Mitglied des SPD ist und seit 1973 auch der Gewerkschaft ÖTV angehört, schön früh, seine politische Karriere auf Bundesebene zu gestalten. Nachdem er von 1978 bis 1980 Bundesvorsitzender der Jugendorganisation der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, der Jusos, war, zog er 1980 für die Dauer von zwei Legislaturperioden als Abgeordneter in den Deutschen Bundestag ein. Zu dieser Zeit kam es auch zu dem oftmals kolpotierten nächtlichen Rütteln an der vergitterten Pforte des Kanzleramtes und dem dabei selbstsicher vorgetragenen Wunsch "Ich will hier rein." Doch die SPD benötigte Mitte der Achtziger keinen ehrgeizigen Aufsteiger, sondern ein politisches Schwergewicht, um es mit dem "Kanzler der geistig-moralischen Wende" aufzunehmen. Und so erkannte Schröder bald, dass er sich für weitergehende Aufgaben erst noch empfehlen musste - und ging, zunächst als einfacher Landtagsabgeordneter, zurück nach Niedersachsen. Dort gelang es ihm ausgerechnet im "Revolutionsjahr" 1990, das ansonsten von einer Erfolgsserie der CDU geprägt wurde, den Christdemokraten Ernst Albrecht als Ministerpräsident des Landes Niedersachsen abzulösen.

Um auch auf Bundesebene im politischen Geschäft zu bleiben, wurde der Niedersachse 1986 Miglied des SPD-Parteivorstandes und im Mai 1989 sogar Mitglied des Präsidiums der Bundes-SPD. Doch der Partei war der ehrgeizige Schröder, der gern zu den üblichen Insignien sozialer Aufsteiger mit der Zigarre als sinnbildlichstem Ausdruck des Stolzes auf die eigene Leistung greift, suspekt. Und so scharte sie sich, freilich mitnichten geschlossen, hinter Oskar Lafontaine, der jedoch 1990 den Fehler machte, den Menschen die Wahrheit über die wirtschaftlichen Folgen der deutschen Einheit zu sagen, und demensprechend von dem derartige Ehrlichkeit nicht gewohnten Wahlvolk abgewatscht wurde. Doch anstatt sich nun des Niedersachsen zu erinnern, verliebte sich die SPD in einen eleganten Gentleman aus dem hohen Norden. Wie sich aber herausstellte, hatte Björn Engholm die Opfer-Rolle, die ihm durch die unmoralischen Wahlkampfmethoden aus dem Umkreis von Uwe Barschel, dem damaligen christdemokratischen Regierungschef Schleswig-Holsteins, zugefallen war, nicht nur übertrieben. Er hatte auch an ihr mitgeschrieben - und so fiel für ihn bereits vor der Bundestagswahl 1994 der politische Vorhang. Die führungs- und orientierungslose SPD griff in dieser Situation zu einem bis dahin noch nicht praktizierten Mittel der Entscheidungsfindung und befragte die Parteibasis, wen diese gerne als neuen Vorsitzenden (und damit aller Wahrscheinlichkeit nach auch neuen Spitzenkandidaten für die anstehende Bundestagswahl) sehen würde. Beinahe wäre damit die Stunde des Gerhard Schröder gekommen, doch Heidi Wieczorek-Zeul machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Anstatt sich nur gegen den erfolgreichen, aber in den Augen vieler SPD-Politiker etwas drögen und vor allem eher der politischen Mitte zugeneigten Rudolf Scharping behaupten zu müssen (was ihm wohl gelungen wäre), machte die "rote Heidi" Schröder im linken Flügel der SPD Konkurrenz, so dass dem Niedersachsen am Ende wichtige Stimmen fehlten und Scharping die Partei zur Wahlniederlage von 1994 durfte. Schröder, der sich wie auch Lafontaine zähneknirschend als Mitglied der grandios gescheiterten "Troika" in den Wahlkampf einbinden ließ und als Superminister für Wirtschaft, Verkehr und Energie vorgesehen war, überstand die noch weit über die Bundestagswahl hinaus reichende Krise der Partei nicht zuletzt auch dadurch, dass er, wie sein Saarbrückener Kollege Lafontaine, des öfteren Entscheidungen aus dem Erich-Ollenhauer-Haus mehr oder weniger ignorierte oder durch eigene Aussagen konterkarierte. Dennoch schien zunächst die Stunde des Saarländers gekommen zu sein, nachdem sich dieser beim Parteitag in Mannheim mit einer kämpferischen Rede an die Spitze der an ihrem moralischen Tiefpunkt angelangten Partei putschte. Doch Schröder wollte sich die Gelegenheit nicht nehmen lassen, die sich ihm angesichts eines schwer angeschlagenen Helmut Kohl zu bieten schien. Geschickt stilisierte er die niedersächsische Landtagswahl im Frühjahr 1998 zur Entscheidung über die Kanzlerkandidatur gegen den Parteivorsitzenden Lafontaine empor. Und zur Überraschung aller Demoskopen gelang es dem Niedersachsen nicht nur, das selbstgesetzte und vielfach schon als unerreichbar eingeschätzte Ziel, das sensationelle Wahlergebnis von 1994 (44,3%) maximal um zwei Prozentpunkte verfehlen zu wollen, zu übertreffen - 47,9% der abgegebenen Stimmen entfielen auf Schröders niedersächsische SPD. Nur wenige Stunden nach Schließung der Wahllokale am 1. März gratulierte Oskar Lafontaine dem frisch gebackenen Kanzlerkandidaten der SPD, obwohl dessen offizielle Kür erst am 17. April im Rahmen eines Bundesparteitages in Leipzig erfolgte. Es begann ein Wahlkampf, der auf drei Säulen ruhte - scharfen Angriffen gegen den Amtsinhaber Kohl, einem Gerhard Schröder, dem es gelang, nichts zu versprechen und dennoch Hoffnungen auf alles zu wecken, und einem Oskar Lafontaine, der sich konsequent zurücknahm und als eifriger Wahlkämpfer die Herzen der SPD-Linken zu wärmen verstand. Und so kam es am 27. September zu einem Unikum in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Mit einem erneut in dieser Höhe die Zunft der Demoskopen überraschenden Ergebnis gewann die SPD die Bundestagswahl und besiegte somit als erste bundesrepublikanische Partei eine Regierungskoalition, die mit dem amtierenden Bundeskanzler als Spitzenkandidaten in die Wahl gegangen war. Schröder brauchte nicht, wie im Falle einer Niederlage angekündigt, in Hannover zu bleiben, sondern zog - zum dritten Mal - als Abgeordneter in den Bundestag ein, der ihn am 27.10., exakt einen Monat nach der Wahl des Parlamentes selbst, dann zum Bundeskanzler wählte.

Egal, wie man später auf die "Ära Schröder", so es denn eine solchen werden sollte, zurückblicken wird. In einer Hinsicht setzt der Niedersachse jedenfalls eine für die Kanzler des Bundesrepublik Deutschland typische Tradition fort, die auch viel über die Zusammensetzung und den Hintergrund der politischen Eliten dieses Landes aussagt. Schröder ist, wie seine Vorgänger Adenauer und Kiesinger, Jurist - und selbst Helmut Kohl, der sich als Historiker mit Doktorwürden schmücken darf, hatte überdies ein Studium der Rechts-, Sozial- und Staatswissenschaften absolviert. Auch wenn in einer Republik der Präsident das Staatsoberhaupt ist, so ist doch damit Deutschland seit 1949 sozusagen vom Kopfe an abwärts ein Rechtsstaat - und bis dato ganz gut damit gefahren. (Allerdings waren zahlreiche Juristen auch unter den Reichskanzlern des Kaiserreiches und der Weimarer Republik - mit bekanntem Ergebnis. Aber das ist eine andere Geschichte.)

(c) 1999 by Andreas Neumann

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