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Darwins Paradigma - Modell, Metapher oder Mythos?

"Wir leben nicht in Darwins Welt", behauptet ein Journalist. Doch statt neuer Einsichten bietet er alte Vorbehalte: die moderne Evolutionsbiologie kommt in seiner Polemik nur peripher vor. Die Wissenschaft hat längst neue Erkenntnisse - und Probleme

Die umfassende Theorie der Biologie formulierte vor 140 Jahren Charles Darwin. Nicht nur, dass die Arten sich verändern, auch wie dieses erklärbar ist, behandelte er in "On the origin of species by means of natural selection or the preservation of favoured races in the struggle for life". Noch länger als dieser Titel ist die bis heute nicht abreißende Liste derer, die Darwin - aus welchen Beweggründen auch immer - widersprachen. An dieser Stelle komme ich der Einladung einer Stellungnahme zum Geschehen in Kansas nicht nach. Es ist einfach obsolet, die alte Debatte mit denselben alten Argumenten von vorne zu führen. Dadurch, dass man eine Wahrheit wiederholt, wird sie nicht wahrer. Ich möchte hier eine andere Form der Diskussion um die Evolution darstellen, der mehr Relevanz zukommt.

Ein Journalist nahm Anstoß

Hatte Darwin Recht? Im Hinblick auf seine Vorstellungen zur Vererbung ist die Antwort eindeutig: nein. Die Folge war die Evolution der Evolutionstheorie, die in den 1940er Jahren zur Synthetischen Theorie führte. Sie führte durch Grundlagen der Genetik das Konzept der Mutationen ein; Darwins Vorstellung der Selektion blieb davon unberührt. Es gab also nie eine monolithische Evolutionsvorstellung, sondern eine höchst konstruktive Erweiterung zur heutigen Evolutionsbiologie. Diese stößt bisweilen auf Widerstände, die in einem Spektrum von vorsichtigem Zweifel bis zu prinzipieller Ablehnung alle Tonarten menschlicher Skepsis umfassen. Zur letzteren Kategorie gehört erklärterweise "Das Darwin-Komplott" von Reinhard Eichelbeck, der im Untertitel die Wahrheit über "Aufstieg und Fall eines pseudo-wissenschaftlichen Weltbildes" in Aussicht stellt. Zweifelsfrei hat sich Darwins Gedanke verselbstständigt, und die zum Allgemeingut gehörenden Begriffe "Kampf ums Dasein" und "survival of the fittest" oder "Natürliche Selektion" sind nicht bei jedem Zeitgenosen Indiz einer fundierten Kenntnis biologischer Fakten. Eichelbeck stößt im Zeitalter der VerschwörungstheoretikerInnen ohnehin aktivierte Gefühle an: was so selbstverständlich und bewiesen erscheint, muss doch irgendwie faul sein - oder? So lautet auch Eichelbecks Diagnose: eine Handvoll von Wissenschaftlern habe der Íffentlichkeit ein neues Weltbild, und zwar falsches, gepredigt und traue sich nun nicht, den Fehler einzugestehen. Das ist das "Darwin-Komplott":

"Man sollte Voraussetzungen nicht mit Ursachen verwechseln, Beschreibungen nicht mit Erklärungen und Glaubenssätze nicht als wissenschaftliche Fakten verkaufen. Die Darwinisten tun dies aber unentwegt - teils unbewusst, teils mit Absicht - und nehmen dadurch an einer großangelegten Verdummungskampagne teil, die ich, siehe Titel, als Darwin-Komplott bezeichne." (S. 25)

Ist nichts dran am Darwinismus? Was war noch mal Darwinismus? Wie kam Darwin da drauf? Und: hat man Generationen von Schülern etwa eine grundlose Mythologie gepredigt? Eichelbecks Kritik ist nicht deshalb von Interesse, weil er - mal wieder - eine Ablehnung der Evolution als solcher vorlegen will (gleich mehr dazu). Er hält an einer Evolution fest, bestreitet aber prinzipiell die Gültigkeit des von Darwin formulierten Selektionsprinzips (vergleiche den Titel von Darwins Arbeit). Die Vorstellung eines Artwandels hat Darwin nicht ersonnen. Aber Darwin hat eine materiell-mechanische und damit wissenschaftlich überprüfbare Ursache angenommen. Ernst Mayr schreibt:

"Zweifellos war Darwins Die Entstehung der Arten von 1859 revolutionär, aber Ideen von Evolution lagen schon seit einem Jahrhundert in der Luft. Außerdem wurde Darwins Theorie der natürlichen Selektion - der entscheidende Mechanismus der evolutionären Anpassung - erst annähernd ein Jahrhundert nach ihrer Veröffentlichung voll anerkannt."(1)

Daher ist der Begriff des Darwinismus als Synonym für Darwins Ansatz auf das Engste mit der Evolutionsbiologie verbunden. Darwin trat auch nicht als Schöpfer einer Theorie auf, er fügte einige Ansätze zusammen und übertrug sie auf die Biologie. Er lieferte, und das ist bis heute der Kern der prinzipiell gemeinten Kritik, ein naturalistisches Bild des Lebens. Dabei muss berücksichtigt werden, dass Darwins Theorie keine klassische Theorie ist; sie ist ein Hybrid aus konsistenten Überlegungen und aus empirischen Beobachtungen.

Zu den Überlegungen: Eine bekannte Beobachtung war die große Fruchtbarkeit der Arten: es werden viel mehr Nachkommen gezeugt, als später das Erwachsenenalter erreichen und selber Nachwuchs haben werden. Die zweite Beobachtung war die, dass die meisten Populationen konstant blieben: kam es auch zu jahreszeitlichen Vermehrungsexplosionen, so traten doch über die Jahre gleich hohe Anzahlen von Individuen einer Art auf. Würden alle Nachkommen wieder Nachkommen haben, wäre die Erde längst erstickt unter diesen Massenvermehrungen, so berechnete Darwin. Die dritte Beobachtung war die Tatsache begrenzter Ressourcen. Darwins Beobachtungen dürften eine zentrale Bestätigung durch die Bevölkerungs-Schrift des "Sozialwissenschaftlers" Thomas Malthus erhalten haben, waren ihm im biologischen Kontext aber völlig einleuchtend: Jede Ressource (bzw. Bedingung) - Futter, Raum, Brutplätze, Partner - ist selber begrenzt vorhanden und wirkt auf die Vermehrung beschränkend. Darwins Folgerung war wiederum von Malthus übernommen: unter diesen Bedingungen muss zwischen den Individuen einer Art eine Konkurrenz einsetzen. Als Tierzüchter war Darwin auch bekannt, dass jeder Organismus individuell ist, dass die Generationen die Karten der Merkmale "neu mischen" und dass ein Teil der Variationen zwischen Individuen ererbt und damit weiter vererbbar ist. Daraus zog Darwin den zweiten Schluss: einige Individuen vermögen die begrenzten Ressourcen besser zu nutzen als andere. Es kommt zu einer Selektion, da einige Individuen überleben und ihre Merkmale weitervererben, andere dagegen nicht. Dieses Phänomen nannte er natürliche Selektion oder Zuchtwahl (natural selection). Die letzte Schlussfolgerung war, dass durch die Selektion Veränderungen der Merkmalsausprägung in Populationen auftreten und verstärkt werden. Über viele Generationen, bewirken diese Faktoren eine Umgestaltung der Arten. Das war Darwins Theorie.

"Als Darwin Die Entstehung der Arten veröffentlichte, hatte er keinen Beweis für die Existenz der natürlichen Selektion; er postulierte sie aufgrund von Folgerungen." (2)

Doch die Ergebnisse dieser Umgestaltung erkannte Darwin auf den Galapagosinseln in den 14 dortigen Finkenarten, die alle auf verschiedene Nahrungsquellen spezialisiert sind. Darwin folgerte, dass diese Spezialisierung das Resultat der Umgestaltung infolge von Konkurrenz sein müsse. Damit revolutionierte er das Bild, das man sich bis dahin von der Natur gemacht hatte.

Dieses Schema zeigt deutlich, dass Darwins Leistung eine Synthese war: er fasste Modelle, Naturbeobachtungen und eigene Erfahrungen mit einem großen Abstraktionsvermögen zusammen. Die Evolutionsursachen von Selektion, Konkurrenz und Vererbung wird in ihrer evolutiven Wirkung als Darwinismus bezeichnet. Wiederum Ernst Mayr:

"Wenn wir heute von Darwinismus sprechen, meinen wir Evolution durch natürliche Selektion." (3)

Genau genommen, besteht der darwinistische Ansatz aus einzelnen Theorien: gemeinsame Abstammung, Selektion und Vererbung sind unabhängig prüfbar und wirksam, gemeinsam sollen sie Evolution ermöglichen.

Ich referierte diese Grundlagen einer wissenschaftlichen Theorie hier noch einmal von vorne, um den häufigen Missverständnissen zu begegnen, die scheinbar bei der Auseinandersetzung mit dieser Theorie naturgemäß immer wieder auftreten.

Eichelbeck erkennt das Komplott nun darin, dass keine einzige der Darwinschen oder vordarwinschen Annahmen und Aussagen bewiesen ist, vielmehr sind sie sämtlich widerlegt, denn:

"Der Darwinismus ist nur solange überzeugend, solange man nicht darüber nachdenkt oder ins Detail geht." (S. 33f).

Begründung:

  1. Der "Kampf ums Dasein" sei ein Mythos, da sich keine Art unendlich vermehre. Vielmehr sind sehr exakte Möglichkeiten zur Regelung von Bevölkerungsexplosionen bei vielen Tieren bekannt - die Natur legt es keinesfalls auf den "Kampf" an: Darwin irrte.
  2. Die natürliche Selektion ist ein Mythos: da der Kampf ums Dasein nicht wirkt, kann sie auch keine Rolle spielen. Alles in der belebten Natur deutet auf Spezialisierung und damit Konkurrenzvermeidung hin. Diese Einnischung im ökologischen Gefüge erfolgt nicht als Diktat der Umwelt, sondern durch die Erschließung von Lebensmöglichkeiten durch die Organismen.
  3. Wenn Darwins Modell stimmt, müßten überall Übergangsformen zu finden sein. Diese sind nicht nur empirisch (Fossilien) nicht nachweisbar, sondern auch theoretisch nicht möglich: hochspezialisierte Organe wie Ohr oder Auge machen nur Sinn, wenn sie fertig vorliegen. Es kann daher keine Zwischenstufen geben.
  4. Die Zufälligkeit der Mutationen ist eine Glaubensaussage und nicht beweisbar.

Fazit:

"`Darwinismus' ist nur eine fragwürdige Hypothese, ein Schöpfungsmythos, in dem `Mutation' und `Selektion' die Rolle Gottes übernommen haben und an den zu glauben überdies eine Opferung des gesunden Menschenverstandes verlangt. Ein als rational zu bezeichnendes oder gar wissenschaftliches Denkmodell ist er indessen nicht." (S. 45)

Damit kommt Eichelbeck zu dem Urteil:

"Wir leben nicht in Darwins Welt." (Sn. 180, 181, 363).

Unterm Strich ist Eichelbeck mit Selektion und Konkurrenz gegen die zentralen Aussagen Darwins angegangen. Und er sieht in ihr nichts weiter als eine Projektion der Gesellschaft, die wir heutigen zurück auf die Leistungsgesellschaft projizieren:

"Der `Darwinismus' hat das Vertrauen der Menschen in eine höhere Ordnung untergraben und ihre paranoiden Sozialneurosen verstärkt... er hat die Gemüter von Generationen von Schulkindern verseucht, denen man eingebleut hat, sie müßten entweder stärker oder angepaßter sein als ihre Mitmenschen, um erfolgreich zu sein." (S. 41)

Das allerdings klingt nun stark nach Kansas:

"Unser Schulsystem lehrt den Kindern, dass sie nichts anderes seien als glorifizierte Affen, die sich aus einer schlammigen Ursuppe entwickelten." (4)

Oder:

"Schülern wird vermittelt, dass sie ein Produkt vom Überleben des Stärkeren sind. Es gibt keinen Sinn im Leben, wenn wir als Tiere im Kampf ums Dasein dargestellt werden. So etwas schafft Hoffnungslosigkeit und Selbstzweifel und führt zu Leid, Mord und Freitod." (5)

Dies ist in der Tat semantischer Urschleim; Äußerungen dieser Art manifestieren wieder einmal, dass in unserem anthropozentrischen Denken nicht sein kann, was nicht sein darf; und nicht nur das: er liefert das Eingeständnis gleich mit, dass der Mensch offenbar seinen Wert und seine Würde aus seiner Biologie schöpfen muss. Dies ist Unfug. Wer im Ernst derart ungerechtfertigte Aussagen verbreitet, der muss Widerspruch für sein ganzes Unternehmen einkalkulieren. Trotzdem: stellen wir uns der Behauptung, Darwin wäre ein seniler Unseriösling gewesen und die Biologen eine intellektuelle Mafia - wiewohl der Autor einsehen mag, dass er damit einige Forscher stark über (s)einen Kamm schert. Leider vergießt er das wenig später mit einiger Gründlichkeit.

Die Frage ist also: Gibt es tatsächlich den "Kampf ums Dasein" und kommt es zur "Selektion"? Zweifelsfrei ist dieses darwinistische Bild des Lebens für uns emotional nicht unproblematisch: alle Wunder der Organismen, ihre Komplexität und ihre faszinierende Lebensweise, soll das Produkt eines ziellosen Prozesses sein, getrieben von der Mechanik des Überlebenskampfes. (Merke: keiner dieser Einwände ist jünger als Darwins Grabplatte.) Gibt es nun den Kampf ums Dasein? Auch Evolutionisten sagen klar, dass Darwins Vorstellung nicht auf direkte Beobachtungen beruhte, sondern auf Analogien, die sich insbesondere auf Malthus (6) sowie seine eigenen Erfahrungen aus der Taubenzucht (künstliche Selektion) stützten. Besteht deswegen überhaupt kein Bezug zur Realität? Ich war erheitert, in Tijs Goldschmidts unterhaltsamem "Darwins Traumsee" folgende Liveübertragung aus den Alpträumen eines Evolutionsbiologen im Malaria tropica-Anfall zu finden (7):

"Könnte die große Mannigfaltigkeit in Form und Verhalten durch die natürliche Selektion innerhalb jeder der vielen hundert Arten in diesem Schwarm entstanden sein? Gäbe es eine alternative Hypothese, die sowohl wissenschaftlich als auch tatsächlich verwertbar wäre? Könnte eine so große Formenvielfalt, wie sie dieser Schwarm aufweist, auch ohne die natürliche Selektion zustande gekommen sein, oder war eben die natürliche Selektion die wichtigste evolutionäre Kraft bei ihrer Entstehung? Immer zweifelnd an der Bedeutung der natürlichen Selektion, tue ich mich indessen schwer, nicht selbst von ihr überwältigt zu werden. Eben erst wäre ich um Haaresbreite auf eine getarnte Puffotter getreten, die im letzten Tageslicht im warmen Sand lag. Was aber, wenn die Formenvielfalt mit der natürlichen Selektion gar nichts zu tun hätte, sondern mit einem bisher nicht erkannten formschaffenden Prinzip? Das war mein Gedanke, als ich einen größeren Schritt über die totenstill daliegende Schlange hinweg machte. Die Welt ein Minenfeld der Evolutionisten? Kann ich den Darwinismus links liegen lassen? Zwar möchte ich das gerne, aber bisher stellte sich immer wieder heraus, dass Darwin recht hatte."

Die Selektion ist kein "einfaches" Konzept, und Evolution ist keine simple und evidente Tatsache. Auch Mayr erklärt, die Evolution durch natürliche Selektion ist ein "deduktives Konzept" (8); d. h., sie wurde formuliert und exemplarisch (Beispiel: Birkenspanner) überprüft, ohne dass jedes Merkmal von Lebewesen konkret als Ergebnis eines sukzessiven Selektionsprozesses nachgewiesen werden kann. Darwins Stärke war, dass er "mitten drin" anfing, indem er aus der vergleichenden Morphologie und der Biogeographie logische Schlüsse zog. Über den Ursprung des Lebens ließ er sich nicht aus; und ebenso soll es hier gehalten werden: in einer hemmungslosen Ausblendung der ersten zwei Milliarden Jahre Evolution stützt sich diese Argumentation, wie ihre Kritik, auf überwiegend morphologische Befunde.

Eichelbeck nennt Beispiele, die klar zeigen, dass unendliches Wachstum vermieden wird. Darwin gab ein Beispiel, demzufolge ein Paar von Elephanten nach 500 Jahren 15 Millionen Nachkommen hätte - die begrenzten Ressourcen sollen dieses verhindern. Tatsächlich ist dieses krebsartige Wachstum nirgends in der Natur zu finden, und es wird von den Tieren selbst verhindert. Tritt eine bestimmte Anzahl Tiere pro Fläche ein, sinkt die Fertilität und es werden weniger Junge geboren: das Problem regelt sich von selber. Insofern war Darwins Vorstellung falsch.

Eichelbeck übergeht aber unbegründet die Möglichkeit, diese Wachstumsbegrenzung unabhängig von Faktoren wie Streß, Krankheiten und Parasitismus selber als Anpassung zu verstehen: Individuen mit explosiver Vermehrung müßten ihre Umwelt völlig verwüsten und selber eingehen. Die Selektion würde eine gemäßigtere Vermehrung selektieren. Gibt es nun Selektion? Die natürliche Selektion ist in Darwins Konzept zweifelsfrei der "bad guy", zerstört sie doch gängige Bilder der Natur. Ist sie auch belegbar? Eichelbeck bestreitet dies. Wenn, so argumentiert er, die Giraffen durch Selektion zu ihrem langen Hals kamen, dann hätten als allererstes die Weibchen aussterben müssen, da diese im Mittel einen 60 Zentimeter kürzeren Hals haben - und damit auch die Art. Im ökologischen Kontext betrachtet, ist die Selektion durchaus zum Zugeständnis des Sexualdimorphismus zu belegen: Die Baumblätter der Savannen Afrikas sind quasi das Nahrungsmonopol der Giraffen. Nahrungskonkurrenz bestünde auf dem Boden, und die Nische der Baumkronen konnte von den Giraffen besetzt werden. Nach gängiger Kritik ist aber ein Zwischenwesen, das mit einem mittellangen Hals möglicherweise sowohl Gras als auch Laub frisst, unmöglich. Was ist daran schlechte Wissenschaft? Diese Spekulation berücksichtigt keinerlei Fakten. Sie geht plump davon aus, dass die Umwelt statisch ist. De facto ist sie dies nicht. Die Fossilfunde der Evolution der Giraffen belegen tatsächlich einen langsamen Übergang zur Langhalsigkeit. Wie kann das sein? Die Evolution erfolgte eben nicht in der Savanne, sondern im Wald oder im Waldrand, einem besonderen hot spot der Artbildung, wie neue Ergebnisse zeigen; dort lebt das Okapi als Reliktfauna immer noch. Weitere Gegen"beweise" bleiben zugunsten allgemeiner Polemik aus. Ein gutes Beispiel sind die - bereits oben erwähnten - 14 Darwinfinken (Geospizidae), an denen Darwin nicht nur entscheidende Einblicke in die Spezialisierung gewann, sondern auch seine Nachfolger inspirierte. Die Finken der Galapagosinseln haben sich auf unterschiedliche Nahrungsformen spezialisiert: es gibt Fruchtfresser, Körnerfresser, Insektenfresser, und auch Spezialisten, die auf Leguanen Zecken zu suchen und mit Kaktusdornen in morschem Holz nach Insekten zu stochern. In diesem Zusammenhang verdient die Tatsache Aufmerksamkeit, dass die Schnabelformen deutlicher für die Körner- bzw. Fruchtnahrung entwickelt sind, wenn Arten dieser zwei Nahrungstypen auf einer Insel zusammen leben, als wenn sie separiert auf zwei verschiedenen Inseln leben. Die Ernährunsweisen schließen sich nicht vollständig aus, es herrscht also Konkurrenz, und die Merkmalsausbildung kann durch die natürliche Selektion hinreichend erklärt werden. Und auch der Mensch ist in diese Überlegungen einzubeziehen, wie das Beispiel der Sichelzellenanämie in Malariagebieten belegt.

Damit bin ich beim Hauptargument gegen Eichelbecks Polemik. Der Autor fordert eine "ökologische" Sicht des Lebens, die nicht nur Konkurrenz und Selektion anerkennt. So schreibt er:

"Es wird in der `darwinistischen Literatur' gewöhnlich so dargestellt, als ob solche [ökologischen] `Nischen' schlechthin einfach vorhanden sind und von einer Art im Konkurrenzkampf mit anderen Arten `erobert' würden. Aber tatsächlich sind die `ökologischen Nischen' ein Mittel zur Vermeidung von Konkurrenzkämpfen, und etwas von den Lebewesen durch ihre Lebensäußerungen selbst Geschaffenes." (S. 179)

"Wie entstehen `ökologische Nischen'? Die Auffassung, dass sie einfach vorhanden sind und von einer bestimmten Art `im Konkurrenzkampf' erobert werden, ist viel zu einseitig." (S. 351)

Einmal abgesehen von dem impliziten Eingeständnis, dass Konkurrenz demnach bei der Nischenbildung eine Rolle spielen muss, können wir das doch ganz einfach mal nachlesen (wobei ich bewusst ein nicht erst gestern erschienenes Lehrbuch heranziehe):

"Derartige Wechselbeziehungen zwischen den Gegebenheiten der Umwelt und den Ansprüchen und der Form der Nutzung durch eine Art bezeichnet man als die ökologische Nische einer Art. Die ökologische Nische ist also kein Raum, sondern ein multidimensionales (weil viele Wechselbeziehungen umfassendes) Beziehungssystem zwischen einer Tierart und ihrer Umwelt." (9)

Und:

"Die ökologische Nische ist demnach kein Raum, der besetzt wird, sondern ein multidimensionales (weil viele Wechselbeziehungen umfassendes) Beziehungssystem zwischen einer Tierart und ihrer Umwelt, das hergestellt (gebildet) wird." (10)

Und zu guter Letzt Ernst Mayr, der die ökologische Nische nicht als "Eigenschaft der Umwelt", sondern als "Eigenschaft der Art" (11) darstellt. Von "Erobern" kann also keinerlei Rede sein. Eichelbeck suggeriert dies jedoch permanent durch sprachliche Gleichsetzung von Krieg in Form menschlicher Destruktivität mit der Konkurrenz zwischen Individuen. Die evolutionäre Erklärung der Einnischung liegt in dem Hinweis auf Konkurrenz oder andersherum Nahrungsmangel. Für die Darwinfinken ist dieser Mechanismus, genannt Selektion, in den letzten 25 Jahren in den Populationen in vivo beobachtet und dokumentiert worden. Es traten Effekte in der Merkmalsausprägung der Population auf, die sich von einer Generation zur nächsten bemerkbar machten. (12) Die Konkurrenzvermeidung, die durch eine Einnischung erzielt wird, ist also als Ergebnis eines Selektionsprozesses zu verstehen.

Eichelbeck insistiert auf der Bedeutung der Kooperation in der Evolution. Symbiose, Kommensalismus und Mutualismus spielen eine gar nicht zu unterschätzende Rolle. Diese Kooperation kann aber ebenso der Selektion unterliegen und schließt sie nicht aus, gerade so, wie sich die nicht erfolgte unendliche Elephantenvermehrung nicht gegen die Selektion wenden läßt. Derartige Reproduktionsstrategien lassen sich hervorragend aus evolutiver Sicht, und das heißt hier adaptiv interpretieren, und die zugehörigen Disziplinen sind Verhaltensökologie und Evolutionsökologie. In diesen Kontext der Evolutionsethologie gehört auch das soziobiologische Paradigma der Genselektion. Alles, was "darwinistisch" daherkommt, wird abgelehnt, und um seine "ökologische" Sicht zu retten, muss Eichelbeck die Soziobiologie und ihr Konzept der Verwandtenselektion einfach als "Unfug" (S. 164) abtun. Er unterschlägt damit das ausgesprochen gefestigte Paradigma der Gesamteignung, des Altruismus bei sozialen Tieren: Die Kernaussage dieses Konzepts vom reziproken Altruismus besteht in der Erwartung, dass der erfolgreiche Egoist kooperiert: Kooperation nicht trotz, sondern wegen Selektion. Eben diese Erkenntnisse stützen die Genselektion und damit den Neodarwinismus und liefern einen bemerkenswerten Befund für die Verbindung von genetischem Programm und Verhalten. Die Frage ist eben, wie weit die hervorragend erforschten Fälle der sozialen Tiere (Ameisen, Termiten, Nacktmulle) sich im Rahmen des hier diskutierten Analogieschlusses auf andere Lebewesen, den Menschen eingeschlossen, extrapolieren lassen.

Was spricht im ökologischen Kontext gegen eine Selektion? Alle populären Beispiele stammen gerade aus ökologischen Forschungen. Wie will man Mimikry, Mimese und die Verwandtenselektion in einem nicht-darwinistischen Sinn weginterpretieren? Symbiose ist wichtig, und es gibt wohl keinen Mechanismus, der die Biodiversität stärker prägt als die Koevolution. Darunter fallen aber auch Parasiten, die einen bedeutenden Anteil aller Organismen stellen.

Ich verstehe gut, warum das selektionistisch-darwinistische Bild der Lebensformen nicht gefällt, aber das sagt eben nichts über seine Richtigkeit aus. Ich verstehe auch, worum es eigentlich geht: um die Frage, ob Organismen nur passive Gefäße ihrer Gene, geformt von der Umwelt sind. Selbst das abgedroschene Beispiel des Birkenspanners Biston betularia zeigt, dass dem nicht so ist: es wird nicht wild herumselektiert, sondern weiße Exemplare setzen sich bevorzugt auf helle Bäume, dunkle auf dunkle Stämme

Niemand hat behauptet, dass alles Leben adaptiv ist. Doch für die Selektion gibt es überzeugende Beispiele. Eichelbeck geht unter in seiner fundamentalen Kritik; und es wirkt heuchlerisch, wenn er Selektion einerseits als "Mythos" (S. 129) bezeichnet und erklärt:

"Viele `ökologische Nischen' werden von den Lebewesen geschaffen, durch Selbstbegrenzung - vor allem durch Nahrungsspezialisierung. Wie ist dieses ganz und gar undarwinistische Verhalten zu erklären?" (S. 351),

aber dann eingestehen muss:

"Es mag angehen, für kleine Veränderungen - beispielsweise bei den Schnäbeln der Darwinfinken - zufällige Mutation und Selektion verantwortlich zu machen." (S. 364)

Dies ist eine klare Nahrungsnische, ebenso klar der wirkende Selektionsmechanismus. Nach wie vor ein Paradigma der Evolutionsökologie. Und dem Leser diese internen Selbstwidersprüche zuzumuten, ist einfach empörend.

Halten wir als Fazit der Debatte um die Íkologie fest: Mangel führt zur Diversifizierung des Vorhandenen. Das vom Autor angestrebte, ökologisch angedachte Gegengift kann seinerseits die primären Beobachtungen, auf denen Darwins Theorie fußt: viele Nachkommen, Populationsgleichgewicht und damit Mangel, nicht wegdiskutieren.

Damit kommt der eigentliche Kern des Themas, da eindeutige Belege für eine Selektion nicht zu leugnen sind. Ergo muss er ihre Bedeutung einschränken, und an dieser Stelle wird uns das Zauberwort "Makroevolution" zugeflüstert. Es war auch die Makroevolution, die in Kansas Stein des Anstoßes (zur Überarbeitung von Lehrplänen und der Dispension der Evolution als Pflichtstoff) war.

Als Makroevolution werden die Prozesse bezeichnet, die über das Entstehen von Arten innerhalb einer Gattung, wie im Beispiel der Galapagos-Finken, hinausgehen; Prozesse, die zu Merkmalen führen, mit denen vorher landlebende Tiere fliegen können oder mit denen Wasserbewohner an Land treten können. Also: alles, was wirklich schwierig und spannend ist in der Geschichte des Lebens. Die Makroevolution ist bei Evolutionskritikern Garant für Darwins Fehlbarkeit. Sie rettet das Argument von der Abänderung eines Merkmals auf die Entstehung eines Merkmals: Schnäbel sind veränderbar, aber Schnäbel aus Nichtschnäbeln sind nicht erklärbar; Flügel sind abwandelbar, aber nicht herleitbar: es kann also keine Zwischenstufen geben.

"Das Problem sind nicht kleine Veränderungen von Vogelschnäbeln oder Schneckenhäusern, sondern das Entstehen von Schnecken und Vögeln - aus Würmern oder Reptilien oder was auch immer." (S. 312)

Unterstützung erhält diese Überzeugung aus der Paläontologie: exakte Übergänge sind in der Tat nicht überzeugend dokumentiert. Hier soll die Selektion nun vollständig versagen:

"So ist etwa die `natürliche Selektion' im `darwinistischen Sinne' nicht schöpferisch. Sie kann wie gesagt Unbrauchbares beseitigen, nicht aber Brauchbares erfinden." (S. 227).

Das sind Platitüden, denn kein Evolutionist / Darwinist hat das je behauptet. Grundlage der Veränderung sind Mutationen, und Selektion "bildet" bestimmte Merkmale heraus. (Ich wüßte auch gerne die Bedeutung von natürlicher Selektion im nichtdarwinistischen Sinne!) Wo hört die Selektion auf? Eichelbeck meint, dass auf Artebene Selektion möglich ist, darüber aber nicht: das Entstehen und Vergehen von Ordnungen, Klassen, Stämmen ist also nicht erklärbar. Dieser Ansicht liegt ein eingefleischtes Vorurteil zugrunde. Dieses Vorurteil ist das menschliche Bedürfnis nach klaren taxonomischen Kategorien, das sich auch in den Kategorien des LinnÚ'schen Systems manifestiert. Doch diese Systematik ist nicht unproblematisch. Ihre Gruppen (Stämme, Ordnungen, Familien...) sind Konstrukte, denn sie erfassen nur heute noch lebende Tiere. Damit macht sie eine Evolution sehr schwierig: wie enwickelten sich neue Stämme? Die Antwort ist einfach: gar nicht. Stämme und ähnliche Kategorien oberhalb der Art sind menschliche Konstrukte, die keinerlei Entsprechung in der Natur haben. Die gegenwärtig umfassend angwandte Methode der Systematik ist die der Phylogenetischen Systematik (Kladistik), in der keinerlei Kategorien mehr vorkommen. Sie stützt sich ausschließlich auf phylogenetische Abstammungsgemeinschaften. Die Kladistik ist damit das ideale Instrument zur Rekonstruktion des Verlaufes der Evolution. Der große Wert dieser Disziplin liegt darin, dass sie das Problem der Makroevolution zumindest formal in Luft auflöst: man muss Stämme nicht mehr auf angenommene Ur-Stämme zurückführen, da es übergeordnete Größen wie Stämme, Klassen etc. einfach nicht gibt. Damit, und das ist entscheidend, wird der Platz frei für eine Betrachtungsweise, die sich auf eine gemeinsame Stammart zweier Folgearten konzentriert, und das zeigt: auch der Makroevolution liegt kein anderer Prozeß zugrunde als die Entwicklung von Arten aus Populationen, also durch einen Prozess, dessen Begreifbarkeit im darwinistischen Sinne von Eichelbeck durchaus anerkannt werden muss.

Davon ungelöst bleibt natürlich das Problem der Übergangsformen, die etwa zu einer Feder oder einem Auge führen sollen. Die von Darwin herangezogenen Beispiele entstammten der vergleichenden Morphologie. Die evolutive Ausbildung von Organen ist somit nur infolge fossiler oder rezenter Formen nachzuvollziehen. Die aktuelle Biologie hat in der Molekularbiologie die Möglichkeit, die genetischen Programme zu analysieren, die für die Ausbildung der Organe verantwortlich ist. Dabei kam es schon zu Überraschungen. So sind bei der embryonalen Entwicklung von Insekten und Wirbeltieren dieselben Gene aktiv. Ihre Wirkung besteht in dem Aufbau in Segmenten, in Funktionseinheiten. Dies ist um so bemerkenswerter, als die innere Organisation spiegelverkehrt scheint: das Nervensystem der Wirbeltiere liegt auf der Rück-Seite (Rückenmark), das Herz bauchseitig. Bei Insekten ist dies umgekehrt: ihr Nervensystem liegt an der Bauchseite, das Herz auf der Rückenseite. Ganz unterschiedlich auch der äußere Aufbau: ein Insekt hat ein Außenskelett, bei Wirbeltieren liegt ein inneres Knochenskelett vor. Die Erkenntnis homologer Gene spricht nun dafür, dass die Abwandlungen gar nicht im Erwachsenenstadium erfolgte, sondern embryonal; es ist schlüssig anzunehmen, dass die Anlage des Mundes sich in der Stammlinie der Wirbeltiere verschob und somit die innere Organisation umkehrte. Dies verweist auf die genetische Grundlage einer bedeutenden Abwandlung zwischen Organismen. Sie erfordert keine Selektion und belegt schlüssig einen fundamentalen Organisationszug der Lebewesen. Es waren und sind daher gerade die Entwicklungsbiologen, die dem Selektionismus kritisch begegnen, da er die internen Programme der Entwicklung aufgrund des phänomenologischen Ansatzes zu übergehen droht. Im Gegensatz dazu war aus der Íkologie, die Wissenschaft der Anpassung der Lebewesen an ihre Umwelt par excellance, kein stichhaltiges Argument gegen die Selektion zu erhalten! Die Merkmale werden im Zuge der gegenwärtigen Forschung nicht nur als Anpassungen gedeutet werden, sondern über die Aufdeckung ihrer individuellen Ausbildung werden Schlüsse auf die Evolution erst stichhaltig. Dieses Forschungsgebiet ist selber im Moment in der Entwicklung. Es ist noch lange nicht Zeit, abschließende Urteile zu fällen.

Bei genauerer Betrachtung erweist sich der Großteil von Eichelbecks Argumentation einfach als Unwissenheit. Völlig absurd wird die Auffoderdung des Buches, es sei Zeit für die "Suche nach neuen Denkmodellen" (S. 303). Eichelbeck zitiert beharrlich Darwin und Weismann, und es ist einfach billig, deren Kenntnisstand nach 100 Jahren anzuprangern. Sie hatten ihre Grenzen - aber: das ist den Biologen aufgefallen, von ihnen diskutiert und fruchtbar gemacht worden. Wenn Eichelbeck gegen den Darwinismus vorgeht, dann bietet er hier ein Zerrbild der Biologie, und zwar eins, das die letzte Jahrhundertwende erlebt hat. Er bekämpft eine antiquierte Reliquie der Wissenschaftsgeschichte; unter völliger Missachtung der bewegten Geschichte der Biologie und ihrer Erkenntnisse in unserer Zeit.

Auch Darwin selbst akzeptierte die Vererbung erworbener Merkmale (Lamarckismus) und war damit kein Darwinist im strengen Sinne! Mittlerweile gibt es viele Ansätze, die über sein Modell hinausgehen. Eichelbeck liefert das Geständnis von völliger Ignoranz, wenn er sie einfach übergeht. Auch die Kenntnis der Fachliteratur gehört zu den Voraussetzungen qualifizierter Äußerungen. Es ist fast peinlich, aber das alles wirkt, von keinerlei tieferem Verständnis getrübt, halbverstanden zusammengeklaubt. Dies belegt der Hinweis, dass es eines einzigen Buches bedurft hätte, um den aktuellen Stand der Biologie aufzuzeigen und zu verdeutlichen, dass alle die angesprochenen Punkte (und viele mehr) Gegenstand lebhafter Diskussion sind: "Towards a new philosophy of biology" von Ernst Mayr; jenem Mayr, Größe der Synthese, den Eichelbeck als Vater eines weltfremden Speziationskonzeptes lächerlich machen will - offenbar ohne zu wissen, dass die von Mayr zur Diskussion gestellte peripatrische Artbildung empirische Grundlagen hat. Dieses eine Buch behandelt in vorbildlicher Weise eine eben nicht neodarwinistische Sicht der Organismen, und gerade Mayr kommt zu dem Schluss, dass Evolution ein kreativer Prozeß ist, dass Artbildung auf genetischer Ebene noch unverstanden ist und ein vielschichtiges theoretisches Problem darstellt, dass die genetische Betrachtungsebene der Organismen für Evolutionsprozesse unzulänglich ist (13). Selektion als Ideologie? Man vergegenwärtige sich folgendes Zitat von Mayr:

"The graitest triumph of Darwinism is that the theory of natural selection, for 80 years after 1859 a minority opinion, is now the prevailing explanation of evolutionary change. It must be admitted, however, that it has achieved this position less by the amount of irrefutable proofs it has been able to present than by the default of all opposing theories." (14)

Wenn nun Mayr in seiner empirischen Bewertung der natürlichen Selektion recht hat, sollte man mitnichten für jedes Merkmal eine adaptive Erklärung bereitgestellt finden. Als Beispiel: Es wurde erwähnt, dass Einnischung eine Vermeidung von Konkurrenz bedeutet. Beispiele von extremer Spezialisierung erlauben aber nicht den Schluß auf extreme Konkurrenz. Eine Pflanze, die nur von einem Insekt bestäubt wird, eine deratige Abhängigkeit, ist im Resultat, nicht im Beginn der Symbiose durch Selektion zu verstehen. Effektiv gesehen bedeutet die ökologische Einnischung eine Konkurrenzvermeidung. Wie das obige Beispiel zeigt, ist es aber nicht möglich, aus beobachteten Nischen auf eine Konkurrenzbewältigung in der Vergangenheit zu schließen. Die Populationskombination eines Íkosystems ist alleine durch Selektion nicht verständlich zu machen. Auch erklärt E. O. Wilson, die Vielzahl der Arten sei bis jetzt noch eine der großen ungelösten Fragen der Biologie. Die Selektion hat Einfluss. Die entscheidende Frage ist, wie groß dieser Einfluss ist. Eben deshalb ist das adaptionistische Programm ein Programm. Es ist Gegenstand einer langanhaltenden Debatte gewesen, die bis heute aktuell geblieben ist und verschiedene Modelle der Evolution hervorgebracht hat. Es ist einfach falsch, wenn Eichelbeck behauptet, es seien nie Alternativen zum darwinistischen Paradigma vorgebracht worden. Es gibt deren verschiedene, die insbesondere den ökologischen Wandel betonen. Einige seien nur kurz erwähnt:

In einem Satz heißt das: kein Begriff, kein Prinzip wird in der Evolutionsbiologie theoretisch und empirisch stärker hinterfragt als das der natürlichen Selektion. Von einem geschlossenen Bild kann längst nicht mehr die Rede sein. Eichelbeck bezieht seine angeblich radikale Ambition gegen "den" Darwinismus aus einer offenkundigen Unwissenheit um die Komplexität der Materie. Einige Ansätze lassen die Organismen nicht mehr Objekte der Selektion sein, sondern Subjekte, die die Vielfalt des Lebens bereichern. Der Philosoph Karl Popper äußerte ähnliche Ansichten. Ich neige dazu, diesen erweiterten Modellen große Bedeutung zuzusprechen. Es ist bekannt, daß sich bei Radiationen das Verhalten von Arten entscheidender ändert als ihre Morphologie. Das heißt, der graduelle Wandel könnte seine eigenen Grenzen haben. Darwins Vorstellung hat zweifelsfrei ihre Berechtigung. Bei genauer Betrachtung hat er aber wohl einen wichtigen Faktor beschrieben, aber nicht alle. Seine Projektion auf die Natur war nicht falsch, aber auch nicht erschöpfend.

Aus eben diesem Grunde muß ich mir nicht attestieren lassen, hier die Apologie einer mechanistischen, materialistischen, technizistischen, sprich: lebensfeindlichen Darstellung des Lebens geliefert zu haben. Fazit soll an dieser Stelle sein, dass die Selektion mit eben diesen Vorwürfen nicht disqualifiziert werden kann, und dass ihr Einfluß vorsichtig zu diskutieren ist. Ich werde hier keine der neueren Analysen zur Selektion und ihrer Bedeutung vorstellen. Es gibt ihrer überzeugende; doch der zugrundeliegende Analogieschluß kann den eigentlichen Einwand nicht entkräften: dass für die wenigsten biologischen Fakten stringente evolutive Belege existieren. Wenn Sie jetzt von Evolution nichts mehr hören wollen: die hier angestrengte Ausführlichkeit soll der Verdeutlichung nach wie vor immenser selbstgebastelter Missverständnisse dieser Theorie dienen; es wäre sinnlos, (einmal mehr) die selbstgefällige Summierung der Evolutionsindizien bringen. Dieser Text hat seinen Zweck erfüllt, wenn er die Verschiedenartigkeit biologischer Ansätze ahnen läßt und damit zeigt, dass in diesem Fach viel Diskussion und Bewegung, viel Leben ist. Doch um den oben erwähnten Analogieschluß geht es eigentlich nicht; und ich habe noch nie einen antidarwinistischen Aufsatz gefunden, dem dieses Anliegen gegolten hätte. Es geht vielmehr um die bestrittene Zulässigkeit eines solchen Bildes der Natur. Alle Evolutionsgegner sagen nur eins: so kann, so darf man sich die Natur nicht denken. Entsprechend haben Inhaber eines spirituellen Weltbildes, von Joachim-Ernst Behrend bis Ken Wilber, unablässig die Makroevolution als GralshüterInn eines nichtdarwinistischen Evolutionsprinzips herausgestellt.

Eichelbeck hat sich derweil (durch "logische Überlegungen" (S. 335)) in einen Pantheismus verstiegen, an dem leider nichts Pantheistisches erkennbar ist, getragen einzig vom Bekenntnis, daß die Natur nicht ohne eine "große, schöpferische Intelligenz" (S. 334) erklärbar sei. Es ist Eichelbecks eigener, völlig überzogener Polemik zuzuschreiben, dass er zu keinem klaren Urteil mehr kommt. So wird erklärt, die Verwandtschaft aller Arten sei nicht zu beweisen (S. 20), ja die gemeinsame Abstammung sei eine "Absurdität", für die es "keine Spur" von Beweisen gebe, "außer in der Phantasie bzw. in den Träumen der `Darwinisten'" (S. 310). Eichelbeck muss nun aber, um nicht von ganz anderen Interessengruppen vereinnahmt zu werden, erklären: "Ich bin fest davon überzeugt, daß es eine Evolution gibt" (S. 367). Hier helfen auf einmal Überzeugungen, Meinungen? Er hat keinen einzigen Beleg seiner "festen Überzeugung" geliefert!

Diese Ausführungen sollten gezeigt haben, dass Evolution nicht identisch mit Evolution durch natürliche Selektion sein muss. Es ist aber sehr schwierig, eine Evolution ohne natürliche Selektion konsequent zu vertreten; und die bisher vorgebrachten Versuche, insbesondere von Entwicklungsbiologen, sind selber nicht ausgereift genug, noch weniger können sie die existierenden Befunde für Selektion relativieren. Die Evolutionstheorie wird weiter entwickelt werden; die anstehende Integration wird die Entwicklungsbiologie betreffen. Sie ist nach wie vor eine Theorie, und zwar eine zunehmend immer besser abgesicherte Theorie. Der Einwand, man müsse Schüler darauf hinweisen, dass die Evolution "bloß" eine Theorie ist, geht ins Leere: etwas anderes als Theorien kann Wissenschaft nie liefern. Ich weite diese wissenschaftsphilosophische Frage hier nicht aus; Fakt ist, dass jeder einem fundamentalen Missverständnis wissenschaftlichen Denkens aufsitzt, der "Theorie" mit "falsche Theorie" gleichsetzen will. Auch unter BiologInnen erfreut sich der Hinweis, bei der Entstehung des Lebens und der Evolution sei "niemand dabei" gewesen und ergo Darwins Theorie reine Spekulation, nicht unbedeutender Aufmerksamkeit. Selbiges wird auf Biologiebüchern in Alabama seit 1995 durch Aufkleber proklamiert. Bei genauer Betrachtung sollte diese pseudoliberale Phrase nicht weiter beeindrucken. Sie ist eine "per definitionem"-Aussage! Wer solcherart die Gültigkeit der Theorie einzuschränken glaubt, hat nach wie vor nichts von Evolutionsbiologie verstanden.

Eingangs wurde die Erhellung versucht, warum die Evolutionsbiologie immer wieder Zielscheibe von Attacken ist. Eichelbeck vertritt einen ganz eigenen Typen: einen, dem die Beschaffung relevanter Informationen nicht möglich ist. Den Grad der Uninformiertheit im Falle eines Journalisten mit dessen Studium von Psychologie, Germanistik, Kunstwissenschaft und Theaterwissenschaft - wenn auch Ex-Wissenschaftsredakteur des ZDF -  zu erklären, wäre angesichts der vollmundigen Ambition eine leichtfertige Entschuldigung. Über das Buch ist damit nur ein Urteil möglich: als Kritik am gegenwärtigen biologischen Denken völlig unqualifiziert, als konstruktiver Beitrag weder notwendig noch wesentlich. Mancher behielte seine Privatphilosophie besser für sich. Vielleicht hat Eichelbeck recht, und der darwinistische Ansatz ist komplett falsch. Das hätte weitere Forschung zu erweisen. Ihn als "Mythos" zu bezeichnen, entbehrt nach aktuellem Wissensstand jeder Berechtigung. Was bliebe von der Evolutionsbiologie ohne natürliche Selektion?

Evolution und Quantenphysik

Nach Eichelbecks Vorstellung sollen die Erbinformationen für größere evolutive Neuerungen (Flügel, Schnabel, Lunge, etc.) aus einem pantheistisch gedachten Kontinuum reiner Information in die DNA der Lebewesen überwechseln. Eine gar nicht unähnliche Vorstellung hat der theoretische Physiker Paul Davies im letzten Jahr in einem Artikel vorgestellt. Davies beschäftigt die Frage nach dem Ursprung des Lebens, nach der Entstehung der genetischen Information. Die Entstehung des Lebens wird nach wie vor von zwei konträren Ansätzen beansprucht: die Deterministen erklären, unter den Bedingungen der urzeitlichen Erdamtosphäre musste Leben zwangsläufig in der einen oder anderen Form entstehen. Die Gegenposition erklärt Leben zu einem (vielleicht sogar universal) einmaligen Zufallsprodukt von extremer Unwahrscheinlichkeit. Das Problem ist dasselbe: das Gesamtsystem Zelle funktioniert nicht, wenn eine ihrer Komponenten fehlt. So werden Enzyme benötigt, um den genetischen Code der DNA umzusetzen. Dieser codiert für Enzyme, und auch die zur Genexpression notwendigen Proteine sind in der DNA codiert. Dies ist das klassische Henne-Ei-Problem, ein Zirkelschluss. Alle bislang vorgelegten Theorien zur Lebensentstehung haben dieses Problem nicht zu lösen vermocht. Der von Manfred Eigen vorgeschlagene "molekulare Darwinismus", für den einige adaptive Eigenschaften des genetischen Codes sprechen, setzt seinerseits gespeicherte Information voraus, auf die Selektion wirken kann. Davies will nun dieses Problem durch die Quantenphysik erhellen. Zwar bedient er sich einer falschen Metaphorik, die "Information auf einen Träger schleudert" (Information ist nie unabhängig vom Medium); seiner Vorstellung nach könnten physikalische Prozesse der Informationsverarbeitung dies begreiflich machen, da Quanteneffekte eine wesentlich schnellere Informationsverarbeitung erlauben als klassische Systeme. Dieser Vorschlag würde eine Quantenvariante des biologischen Determinismus darstellen.

Auch wenn ich nicht über die zu einer qualifiziertten Beurteilung notwendigen Kenntnisse der Quantentheorie verfüge, scheint mir eine Konsequenz aus Davies Vorschlag klar zu sein: er macht Evolution überflüssig. Jede notwendige Information materialisiert sich bei Bedarf (oder aus Laune?) im genetischen Code. Dies mag die Entstehung des Lebens erfassen - aber warum sollte sie danach aufhören? Man muß konsequenterweise den Mechanismus auch bei allen anderen biologischen Vorgängen erwägen. Wenn die Quantenebene einmal teleologisch eingegriffen hat, scheint sie sich dessen weiterhin mit Gründlichkeit enthalten zu haben. Dies ist die Aussage von Versuchen zur "Gerichtetheit" der Mutationen. Auch dieser Ansatz erklärt nicht, warum dann die belebte Welt nicht fix und fertig dastand, sondern offenbar Zeichen der Evolution trägt. Versuche eines Brückenschlages zwischen Quantenphysik und Biologie sind immer wieder angestrengt worden. Bis jetzt aber scheinen sie - überraschenderweise für zwei derart fundamentale Wissenschaften - nicht nötig zu sein!

Davies Vorschlag zur Entstehung der Information ist einer von vielen. Eichelbeck erklärt ein Informationskontinuum zum Ursprung genetischer Neuerungen. In den USA ist die "gerichtete Evolution" die Zwangsvereinigung von Evolution und Theismus. Und Sir Fred Hoyle, Urknall-Rebell und Panspermist, postuliert die Invasion der entsprechenden DNA-Abschnitte aus dem Weltraum. Für einen unvoreingenommenen Beobachter dieses Tumultes heißt das: der Ursprung dieser Information ist offenbar willkürlicher Spekulationen ausgeliefert. Zudem liefern diese höchstens die Hälfte der Wahrheit: sie postulieren, wie komplexe Organe entstanden sein sollen; die Bildung von Art als Reproduktionseinheiten der Natur bleibt völlig unverstanden. Gibt es zur Makroevolution nichts Gescheiteres zu sagen?

Makroevolution forever

In den obigen Ausführungen habe ich ein Indiz für Evolution unterschlagen: die Entwicklungslinien eines Merkmales, die es angeblich nicht geben soll. Der Archaeopteryx soll dabei unter den Tisch fallen dürfen; doch exakt dieses Problem der Makroevolution beschäftigt den Wissenschaftsjournalisten Carl Zimmer: wie entstanden Fledermäuse? Wie ein komplexes Auge? Wie Flügel aus Reptilienschuppen? Wie konnten Fische an Land gehen? Sein Buch "Die Quelle des Lebens" heißt im Original "At the water's edge. Macroevolution and the transformation of life"; es konzentriert sich auf den Wandel, der nötig war, damit ein Meerestier an Land ging. Prinzipiell wird immer wieder die Existenz von Zwischenformen bestritten, da eine "Mischung" von Land- und Meerestier in beiden Gebieten nicht existieren könne; die erforderlichen Umgestaltungen seien zu kompliziert. Keine Zwischenstufen möglich - kein Landgang möglich - keine Evolution! Alles klar? Angesichts dieser Überlegungen zur unsäglichen Schwierigkeit des Landganges muss es verblüffen, wie scheinbar problemlos er bewältigt wurde. Es beruht auf unserer Selbstvernarrtheit, den Landgang immer auf die Wirbeltiere einzuschränken. Tatsächlich muss er viel öfter erfolgt sein: bei den Spinnentieren, bei den Krebsen (nämlich den Asseln), bei den Tracheaten (Stammlinie der Insekten und Tausendfüßler), und bei den Weichtieren (Schnecken). Eine Provokation menschlicher Wahrscheinlichkeitsrechnung. Und nicht nur das: der Landgang wurde nach evolutionärer Interpretation auch wieder rückgängig gemacht, nämlich durch die Wale. Zimmer fokussiert auf die Wirbeltiere, die im Devon an Land gingen und die Wale, deren Vorfahren im Eozän zurück ins Wasser gingen. Unserer vielbeschworenen Vorstellungskraft eine Zumutung sondergleichen; gäbe es nicht Fossilfunde, die eine bemerkenswerte Abgestuftheit der Land- und Meeresbewohner aufweisen. Zimmer fängt bei Darwin an und endet in den 90ern unseres Jahrhunderts. Mittlerweile ist der Landgang im Devon durch einen ganzen "Zoo" von Arten verständlich geworden, die wie eine Art "Daumenkino" (S. 137) ahnen lassen, wie diese Entwicklung möglich war.

Im Falle der Tetrapodenevolution treten Tiere wie Ichthyostega auf. In der ersten Jahrhunderthälfte in Grönland gefunden und rekonstruiert, zeigte dieses fröhliche Wesen tetrapodenförmige Beine mit entsprechenden Gelenken und Zehen; dazu Lungenatmung und einen kompakten Schädel, der durch seine Knochenkonstruktion aber immer noch auf die Morphologie der Quastenflosser verwies. Der Schwanz entsprach auch dem eines Fisches. Doch Ichthyostega war der erste vernünftige Landbewohner, der den Paläontologen vorkam.

Oder ein Lebewesen namens Acanthostega, der eine bemerkenswerte Merkmalskombination zeigen: ein Wasserbewohner, mit Fischschwanz, der durch Kiemen atmet, aber bereits ein simples Innenhohr, einen Hals und die typischen Tetrapodenextremitäten mit Zehen zeigt. Besonders letztere sind durch entwicklungsbiolologische Untersuchungen in evolutionärem Wandel erklärbar geworden.

Diese grobe Beschreibung zeigt, dass die Forderung nach Entwicklungslinien teilweise schlicht falsch ist. Eine Entwicklung eines Organes ist vielleicht unmöglich; empirisch ist das wohl in keinem Fall zu rekonstruieren. Tatsächlich ist sie aber gar nicht nötig, und dies wußte schon Darwin. Er verwies auf den Funktionswechsel, den ein Organ durchlaufen kann; und jüngere Forschungen verweisen auf die Bedeutung des Funktionswechsels. Er war ausschlaggebend bei der Evolution der Feder, und nun auch der Fortbewegung an Land. Eine ex nihilo-Evolution war nicht nötig.

Dies legt Acanthostega nahe: ein Wasserbewohner mit der Bein-Organisation, die spätere Landbewohner "brauchten". Ein überzeugenderes Beispiel der Verbindung verschiedener Lebensformen erscheint nicht denkbar (und nötig). Für die Entwicklung dieser heterogenen Merkmalskombination wurde der Begriff der "korrelativen Progression" eingeführt. Er beinhaltet die Veränderung des Gesamtorganismus, nachdem ein Element des Gefüges sich verändert. Diese Art der Kettenreaktion von Genetik über Entwicklung zur Morphologie könnte makroevolutionären Wandel auf grundlegender Ebene verständlich machen. Die Konsequenz für die Rekonstruktion dieser Stammeslinie ist eine neue Vorstellung über die Entwicklung der Atmung. Das neue Szenario der Tetrapodenvorgänger im Wasser legt nahe, dass sie auch durch eine Lunge präadaptiert waren. Eine Lunge ist nach gegenwärtigem Wissen schon wesentlich früher anzunehmen, und die Schwimmblase (bei den Fischen, die eine haben) ist als umgewandelte Lunge zu interpretieren. Das heißt, auch Acanthostega muss über primitive Lungen verfügt haben. Missing link, wo ist dein Stachel?

Ein ähnliches Bild beginnt sich für die Phylogenese der Wale abzuzeichnen, und jüngste Funde lassen nach kladistischer Auswertung es mehr als wahrscheinlich werden, dass auch die Feder heutiger Vögel nicht ursprünglich dem Flug gedient haben kann.

Alle diese Indizien sind keine selbsterklärende Evidenz für Evolution. Sie bedürfen der Interpretation. Sie zeigen aber nachdrücklich und unabweisbar, dass sich das Argument der angeblich fehlenden Übergangsformen als unzuverlässig erweisen wird. Übergangsformen scheinen einen Wandel plausibel zu machen. Dabei geht es zuerst um die Auffindung dieser Typen. Über den kausalen Mechanismus der Evolution ist damit noch kein Wort verloren, und über die Bedeutung der Selektion ist dadurch noch nicht befunden. Es sollte der Eindruck entstehen, dass Evolutionsbiologie ein pluralistisches, vieldimensionales Forschungsgebiet ist, das sich aus verschiedenen Fachrichtungen mit unterschiedlichen Blickwinkel betreten läßt. Als Konsequenz muss man anerkennen, dass ein kohärentes Bild schwer zu erhalten ist. Andererseits bringt ein einzelner Gegeneinwand nicht die gesamte Theorie zum Einsturz. So ist auch aufzufassen, dass etwa das Phänomen des Bewußtseins hier keinen Platz erhalten hat, es läßt sich in der hier diskutierten Frage nach Evolutionsmechanismen nicht ergründen. Auf Seite 103 hat die deutsche Übersetzung - wie ich unterstelle - einen sinnentstellenden, aber trotzdem nicht unsinnigen Fehler; es wird von Versuchen gesprochen, "die eventuellen Zusammenhänge zwischen Ontologie und Evolution zu ermitteln". Tun wir das nicht alle?

© 2000 by Johannes Strauß

Literatur:

Davies, Paul:
Life force; in: New Scientist 18. 09. 99, p 27 - 30
Eichelbeck, Reinhard:
Das Darwin-Komplott. Aufstieg und Fall eines pseudowissenschaftlichen Weltbildes; Berlin 1999
Zimmer, Carl:
Die Quelle des Lebens. Von Darwins, Dinos und Delphinen; Wien - München 1998

Quellenangaben:

1 Mayr, Ernst: Das ist Biologie. Die Wissenschaft des Lebens (1997); Heidelberg Berlin 1998; Seite 16. An anderer Stelle urteilt Mayr lapidar: "Darwin war eindeutig nicht der Vater des Evolutionismus, aber er hat ihn schließlich zum Sieg geführt." in: "Mayr, Ernst: ...und Darwin hat doch recht. Charles Darwin, seine Lehre und die moderne Evolutionstheorie (1991); München 1995, S. 120. Anbei: Ein, wie ich finde, plumper und grauenhafter Titel, der wieder einmal zeigt, zu welchen Entstellungen die deutsche "Synchronisation" auch auf dem Buchmarkt fähig ist. Der Titel des englischen Originals lautete "One long argument": dies ist der Bezeichnung, die Darwin für seiner Argumentation und Beweisführung in "Origin of species" selber traf.
2 Mayr 1997, Seite 250
3 Mayr 1991, S. 97
4 So der US-Kongreßabgeordnete Tom DeLay, Republikaner. Zitiert nach Désirée Karge: Kansas bannt Darwin; in: Bild der Wissenschaft 12/ 1999, Seite 53
5 Dies die Meinung von Mark Looy, Sprecher von "Answers in Genesis". Zitiert nach Désirée Karge: Kansas bannt Darwin; in: Bild der Wissenschaft 12/ 1999, Seite 53
6 Gould, Stephen Jay: Dinosaur in a haystack. Reflections in natural history; London 1996, p 452
7 Goldschmidt, Tijs: Darwins Traumsee. Nachrichten von meiner Forschungsreise nach Afrika (1994); München 1999, Seite 93
8 Mayr, Ernst: Toward a new philosophy of biology. Observations of an evolutionist; Harvard University Press 1988, p 96
9 Osche, Günther: Evolution. Grundlagen, Erkenntnisse, Entwicklungen der Abstammungslehre; Freiburg 1972, Seite 60
10 Osche, Günther: Ökologie. Grundlagen, Erkenntnisse, Entwicklungen der Umweltforschung; Freiburg 1973, Seite 37f
11 Mayr 1997, Seite 276
12 Weiner, Jonathan: Evolution made visible, in: Science Vol. 267, 06. 01. 1995, p 30 - 33
13 Mayr 1988, p 208
14 Mayr 1988, p 192. Siehe auch Mayr 1997, Seite 246

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